Meinung : In der Luft

-

Von Thomas von Sturm

WO IST GOTT?

Mein Herz hängt am Fliegen. Ich steuere die Boeing 737 durch Europa und manchmal auch Nordafrika. Letzte Woche in Nizza bin ich mitten in der Nacht aufgestanden. Die Frühmaschine nach Frankfurt. Zum Sonnenaufgang sind wir abgehoben. Da schimmerte die Cote d’Azur in einem rötlichen Licht, flimmernde Reflexe tanzten auf dem Meer. Kurz nach dem Start tauchten die Gipfel der Alpen im Sonnenlicht auf.

Über Norditalien gab es eine gewisse Bewölkung. Das war ein faszinierendes Bild, ein starker Natureindruck. Ich hatte die Empfindung, dass das eigene Ich sich senkt. Man kommt dem Himmel und damit Gott nicht automatisch näher, wenn man fliegt. Doch durch dieses Entrücken von der Erde spürt man das große Ganze.

Auch nach 18 Jahren Fliegen für die Lufthansa bleibt die Intensität solcher Erlebnisse. Es sind nur Sekunden oder Minuten, in denen ich einen extremen Eindruck habe – obwohl der Flug von Nizza nach Frankfurt etwa eine Stunde und zehn Minuten dauert. Die Faszination wird wohl nie verloren gehen. So ein Gefühl ist wie eine Liebe. Im Prinzip werden mein Copilot und ich mit dieser hochkomplizierten Maschine eins. Fliegen kombiniert technische und menschliche Fähigkeiten – von daher relativiert die Fliegerei das Ich.

Wo ist Gott: die Frage ist so menschlich, weil sie unsere Vorstellung von Raum und Person erkennen lässt. Für mich ist Gott das Ganze. Der Zen-Buddhismus zum Beispiel unterscheidet nicht zwischen Gut und Böse, weil diese Wertungen vom Menschen geschaffen sind. Die Individualität, die wir spüren, ist eine temporär begrenzte Illusion. Keine Frage der Welt ist beantwortbar, weil niemand über absolute Daten verfügt.

Vielleicht ist das Nichtstellen von Fragen gleichbedeutend damit, alle Antworten zu kennen. Ich bin nicht religiös, finde es aber gut, dass viele Menschen diesen Halt haben, den die Kirchen vermitteln. Ich empfinde diese Ablehnung von Werten im Buddhismus als sehr befreiend. Aus dem Mangel an „richtig“ und „falsch“ leiten die Buddhisten ab, dass es kein Bedürfnis gibt, anderen Leid anzutun. Eine angenehme Konsequenz: Wir sollten das Bekriegen sein lassen und es uns zusammen nett machen auf der Welt.

Nach dem 11. September war die Cockpit-Tür zu, das hat die Verbindung zur Kabinenbesatzung und zu den Passagieren erschwert. Ich habe keine Angst gehabt. Dabei hat mir geholfen, dass ich sowieso keine Angst vor dem Sterben habe und auch keine Angst davor, Fehler zu machen. Beides kann jederzeit passieren. Aber ich weiß, dass ich mein Bestes gebe. Ich bin verantwortungsbewusst mit der Fitness, weil sich 150 Leute auf mich verlassen. Wenn Terroristen eine Maschine herunterholen, in der ich sitze, ist das der Lauf gewesen.

Begreifen kann man nicht, wo Gott ist. Man kann ihn nur spüren – in der Auflösung des Ichs. Das funktioniert nicht nur beim Fliegen, sondern auch als Teil eines Teams oder als Fan im Fußballstadion. Es ist traurig, dass das Gruppenempfinden, das ich als etwas Göttliches empfinde, so unmodern geworden ist.

Der Autor ist Präsident der Pilotenvereinigung Cockpit.

0 Kommentare

Neuester Kommentar