Meinung : In der Musik

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Von Wolfgang Bretschneider

WO IST GOTT?

Im Gästebuch der Leipziger ThomasKirche steht: „Ich bin Atheist. Aber jedesmal, wenn ich die Passionen von Bach höre, beginne ich zu ahnen, wer der ist, an den die Christen glauben." Ich habe viel Sympathie für diesen „Atheisten". Gott war für mich schon in jungen Jahren eine Wirklichkeit, die meine sämtlichen Vorstellungen sprengte, die ich nicht einordnen, nicht domestizieren konnte. Und doch war der, der allgemein Gott genannt wurde, einer, der mich unbedingt anging.

Wie ich zu dieser Erfahrung gekommen bin? Über die Musik. Ich habe schon früh Orgel gespielt, in der großen Münsterbasilika in Bonn. Ich erinnere mich noch genau: Es war abends, alles still, der Raum dunkel, ich allein und spielte Bach und Mendelssohn und französische Komponisten. Hier erlebte ich Dimensionen von Leben, ganz neu, un-heimlich, umwerfend.

Im Theologiestudium waren Verstand und logisches Denken gefordert. Was Theologen nicht alles über Gott zu Tage gefördert hatten! Es gab Zeiten, wo ich stolz war, Dinge über ihn erfahren zu haben, die andere nicht wussten. Dann kamen Monate, die grausam waren: Mein theologisches Gebäude brach zusammen. Vieles konnte ich nicht mehr nachvollziehen; es kam mir auf einmal hohl vor. Gott: ein Phantom, eine menschliche Projektion und Wunschmaschine? Abschied von Gott nehmen oder mich neu auf die Suche nach dem begeben, den ich bisher Gott genannt hatte? Ich entschied mich für die zweite Möglichkeit. Es wurde kein Zuckerschlecken.

„Es ist nicht fair, den Pianisten zu erschießen, wenn der Flügel verstimmt ist." Es ist unfair, Gott alles Kriegerische und Verbrecherische in die Schuhe zu schieben, wofür der Mensch verantwortlich ist. Entweder ist dem Menschen Freiheit gegeben und damit auch Verantwortung, oder er ist nur eine Marionette.

Der Interpret einer Komposition ist kein Befehlsempfänger, sondern Mitschöpfer. Die größte Sehnsucht Gottes ist der lebendige Mensch. Gott will, dass seine Geschöpfe die Schöpfung entfalten, immer Neues aufdecken. Kreativität ist eine der wichtigsten Gaben Gottes. „Als die Worte versagten und das Gebet über die Tücke der Grammatik stolperte, erfanden fromme Menschen die Musik" (K. Vellguth). Kein Wort, kein Gedanke kann Gott erfassen. Je älter ich werde, desto mehr wird Gott für mich zum Geheimnis, jede Vorstellung sprengend. Ich werde aggressiv gegenüber frommen Sprüchen, die oft so gnadenlos richtig sind. Wer vorgibt, Gott erkannt zu haben, lästert ihn. Vielleicht ist die Rede von Gott deshalb oft so geschmackvoll langweilig, weil sie sein Geheimnis zerstört hat.

Leid ist Teil meines Lebens. Es verdrängen hilft ebenso wenig wie es in sich hineinfressen. Ich glaube, dass Gott mein Leid mitträgt. Herausrufen, Herausschreien, Heraussingen kann echte Befreiung sein. Er selbst hat am Kreuz geschrien. Gott ist nicht im Krieg, auch nicht im „heiligen", nicht in der Unterdrückung, im Egoismus, im Frost der eiskalten Berechnungen. „Es gibt ein Land des Lebens, es gibt ein Land der Toten. Die Brücke zwischen beiden ist die Liebe" (Oscar Wilde).

Der Autor ist Organist und Professor für Liturgik und Kirchenmusikgeschichte.

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