Meinung : In der Musik

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Von Christine Eichel

WO IST GOTT?

Sonntag. Ein schräger Lichtstrahl fällt auf düsteres Gestühl, sanft gefärbt durch die bernsteinfarbenen Quadrate der Kirchenfenster. Staubkörnchen irrlichtern in diesem Lichtstrahl, das grobe Gebälk der Empore knarrt unter meinen Fü ßen. Ich war vielleicht sechs, sieben Jahre alt, als ich zum ersten Mal auf die Orgelbank kletterte und meine Hände auf die Tasten legte. Die Bank war noch warm. Gerade hatte der Organist das Nachspiel beendet, er beherrschte das Brausen und Dröhnen des monströsen Instruments mit der Kühnheit eines Dompteurs. Am meisten aber faszinierte mich die Choreografie seiner Füße auf den Pedalen: Sieh mal, Mama, er tanzt Twist auf der Orgel, hatte ich während des Gottesdienstes geflüstert und wie so oft über die seltsam skurrile Behändigkeit des älteren Herrn gestaunt, eine gleichsam circensische Darbietung, die in merkwürdigem Kontrast zum festlichen Ernst des musikalischen Ergebnisses stand. Ich sah in den kleinen Rückspiegel an der Orgel, auch so ein Kuriosum, in dem der Organist meinen Vater beobachten konnte, wenn er vorn im schwarzen Talar die Liturgie sang.

Die Kirche hatte sich geleert. Ich begann zu spielen. Zaghaft erst, dann immer mutiger, ein harmloses kleines Menuett von Bach. Die Orgel füllte die Kirche jäh mit Klang, jubelnd, gewaltig, und ich erschrak über dieses Kraftwerk der Musik und war glücklich, denn es war Zauber, Rätsel, Wunder, was sich da tat. Die Orgelpfeifen schimmerten im Halbdunkel der Empore, und ich spürte, dass diese Musik nicht meinen Händen zu verdanken war, dass sie vielmehr ein Geschenk war, ein Geschenk Gottes. Ich wurde in einem Pfarrhaus geboren. Ich bin mit Gott aufgewachsen. Er war immer da. Ich spreche zu ihm im Gebet, auch zusammen mit meinem sechsjährigen Sohn, der schon mal interveniert: „Für die Kürbissuppe musst du dich bei dir selbst bedanken, die hast du doch gekocht!“ Ich halte Zwiesprache mit Gott, er aber spricht zu mir durch die Musik. In einer Sprache, die keine Worte braucht, um von Trost und Melancholie, von Übermut und Dankbarkeit zu erzählen. In der Musik erkennen wir uns so wieder, wie wir gemeint sind – die Unbedingtheit des Wünschens bricht auf, die Ahnung einer herrschaftsfreien Identität. Wir erfahren uns in der Hingabe, ganz gleich, ob in Schumanns Klavierpoesie, Gershwins traumwandlerischen Balladen oder in den kleinen Melodien, mit denen man Kinder in den Schlaf singt. Musik weckt den Möglichkeitssinn, den Sinn für das Unwahrscheinliche.

Musik ist Hoffnung. Und genau dort wohnt Gott. Denn Glauben bedeutet, das Unwahrscheinliche für möglich zu halten, das, was uns immer alle ausreden wollen, das Lieben und das Verzeihen, die Empathie, die Nachsicht. Musik beginnt dort, wo die Ratio kapituliert, das Kalkül, die Intrige, der Zynismus. Über diese Macht der Musik kann ich noch immer staunen. So wie damals als Halbwüchsige auf der Orgelempore.

Unsere Autorin ist Romanautorin und Fernsehregisseurin. Sie hat eine Gastprofessur an der Universität der Künste in Berlin.

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