Meinung : In der richtigen Rolle

-

Von Andres Veiel

WO IST GOTT?

Im Sommer, als das Laub der Brandenburger Alleen schon im Juli durch Trockenheit braun wurde und abfiel, hörte ich meinen fünfjährigen Sohn Lukas Tulu im Fonds des Wagens erst leise, dann immer lauter ein Gebet wiederholen: „Lieber Gott, lass es bald regnen, damit die Bäume ihren Durst löschen können und wieder grüne Blätter bekommen.“ Er wiederholte das Gebet mehrfach, erst leise, dann immer lauter. Am nächsten Morgen, es war noch nicht hell, hörte ich einen Schrei. Es war mein Sohn: „Es ist in Erfüllung gegangen!“ Erst jetzt bemerkte ich das Rauschen des Regens. Seit diesem Tag hat mein Sohn ein Gottvertrauen, das ich ihm nicht vermittelt habe. Es ist auch durch meine vorsichtigen Einwände, dass man sich nicht immer auf seine Gebete verlassen könne, nicht zu erschüttern. Ich beneide meinen Sohn.

Ich erinnere mich, dass ich dieses Vertrauen als Kind auch hatte, es aber mit dreizehn bei Beginn des Konfirmandenunterrichts verlor. Paradoxerweise kam mir Gott umso mehr abhanden, desto näher er mir von außen gebracht werden sollte. Das Auswendiglernen des Katechismus tat ein Übriges, so dass ich sechs Wochen vor der Konfirmation das Fest absagen ließ. Gott war anderswo. Das war das Einzige, was ich wusste.

Ich fand Gott immer dann, wenn ich ihn nicht suchte. Die Geburt von Lukas Tulu war so ein Moment. Als er plötzlich da war und in die Welt schaute, da sah ich in die Augen eines Menschen, der alt und jung zugleich schien, so, als wisse er schon alles, um es im gleichen Augenblick zu vergessen.

Das Kino ist auch so ein Ort. Es sind die Filme wie Edgar Reitz’ „Heimat“ oder Bertoluccis „1900“, Filme, in denen das Älterwerden, das Werden und Vergehen verdichtet erfahrbar sind. Ich bin nach diesen Filmen immer ganz bei mir gewesen und gleichzeitig voller staunender Neugierde auf das, was ich noch nicht kenne und nicht benennen kann. Es sind Momente der „Offenbarung“, die ich auch als Regisseur kenne, wenn ich in der Arbeit von einem Menschen etwas bekomme, was ich nicht erwartet habe. Es ist das Geschenk, tief in eine Seele hineinschauen zu können, vor allem dann, wenn ich darum lange vergeblich gerungen habe – und plötzlich kommt dieser wahre, stimmige Moment, in dem jemand sich unverstellt zeigen kann und doch ein Geheimnis bewahrt. Das ist vielleicht das, was andere den Zauber des Kinos nennen.

Krzysztof Kieslowski sprach früher, als er uns hier in Berlin ausgebildet hat, von der Demut des Regisseurs. Ich habe diesen Begriff gehasst. Er war für mich der Inbegriff der Haltung eines nicht aufgeklärten, unterwürfigen Menschen. Armer Krzysztof, habe ich gedacht, du hast zu lange polnischen Katholizismus eingeatmet. Inzwischen verstehe ich Kieslowski etwas besser. Er meinte damit den Abschied vom Glauben an die eigene Omnipotenz. Das bringt mich nicht zu Gott, es öffnet aber einen Weg dorthin.

Andres Veiels Film „Die Spielwütigen“, eine Langzeitdokumentation über vier Schauspielschüler, zeigt die Berlinale am 9. und 12.2.

0 Kommentare

Neuester Kommentar