Meinung : In der Scheu, ihn zu lästern

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Von Norbert Seitz

WO IST GOTT?

Seit der Wende lästere ich gern: dass ich leider nicht, wie zunächst gewollt, evangelischer Pfarrer geworden sei, weil mir kein richtiger Rauschebart wachse. Der Witz kommt immer an. Wobei der falsche Hinweis auf den für erzprotestantisch gehaltenen Katholiken Thierse nicht fehlen darf, dessen opulenter Kinnschmuck noch immer so ausschaut wie ein triftiger Grund für Hans Apel, aus der Nordelbischlutherischen Landeskirche auszutreten.

In Wahrheit jedoch schreckte mich das an der Uni nachzuholende Große Graecum und Hebraicum von einem Theologiestudium ab. Allzu groß konnte die seelsorgerische Berufung folglich nicht gewesen sein. Linke Pfarrer kommen mir immer vor wie Opernregisseure, die den Don Giovanni in die Bronx verlegen. Nichts sei aktueller als die Schrift, weswegen es keines Hinweises von der Kanzel auf den Vietnamkrieg bedürfe, belehrte mich einst ein Studienfreund, der im hessischen Neu-Isenburg Gemeindepfarrer wurde. Ob er auch heute noch eisern auf seiner Liturgie beharrt, wenn Hinterbliebene auf Trauerfeiern Lieblingsgedichte von Rilke vortragen oder Nat King Coles „Unforgettable“ abspulen möchten?

Wo Gott ist? Inzwischen überall, aber nicht, weil er allmächtig wäre, sondern weil er mit der Inanspruchnahme für alle ups and downs des Lebens beliebig zu werden droht. „Wo war Gott?“ titelt „Bild“ bei Erdbeben anklägerisch, und „Gott hat mitgeholfen“, wenn’s gut geht, wie nach Geiselbefreiungen. Die alles verschlingende Kulturindustrie kennt keine Ehrfurcht vor Gott. Sie huldigt nur dem Götzen einer modisch gewordenen Frömmigkeit.

Einem längst abgetretenen ZDF-Sportreporter wurde der zur Schau gestellte Glaube an Gott zum späten billet entrée bei Boulevard Bio. Sogar mancher Törtchen essende Strickstrumpf will uns heute weismachen, dass Gott, wenn schon existent, dann eine Frau sein müsse. Kein Zweifel, Gott ist Event.

Dass die Inflation der öffentlichen Gottberufung bei mir noch immer Gefühle der Abwehr hervorrufen, verrät den gelehrigen Konfirmanden aus der Mainzer Christuskirche, dem einst mit auf den Weg gegeben ward, Gottes Name nicht zu missbrauchen. Gott ist also auch für einen agnostischen Protestanten durchaus präsent, und sei es nur in der tiefsitzenden Scheu vor seiner öffentlichen Lästerung.

Besonders peinlich berührt auch stets von neuem die ideologische Gottverwurstung in der Politik. Dagegen sei noch immer der fromme Katholik Konrad Adenauer zitiert, der Barzel einmal mit einem Grundsatzpapier beauftragte. Als dieser es, seiner Kronprinzenrolle gemäß, dem Alten besonders sakral garnieren wollte, wurde er schroff abgekanzelt: „Herr Barzel, meine Politik steht nicht unter Gottes Wort und Gebot.“

Der Autor ist verantwortlicher Redakteur der politischen Kulturzeitschrift „Neue Gesellschaft /Frankfurter Hefte“.

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