Meinung : In der Schieflage

Guido Westerwelles Hochzeit, der neue Freund von Ole von Beust: Was uns das angeht

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Früher war es mal so: Da war das Private nicht politisch. Oder anders: Unter Helmut Kohl, zum Beispiel, war das Private in der Politik noch weitgehend tabu. Das hat sich, etwas gerafft gesagt, heute geändert. Heute wird über Hochzeiten von Spitzenpolitikern wie von Filmstars berichtet, es werden Bilder gezeigt, Filmchen ins Netz gestellt. Es wird auch gehämt, wenn es nicht die erste Ehe ist, wird öffentlich die Frage gestellt, wie lange diese Ehe wohl halten wird, wenn der Altersunterschied größer ist als, ja, als früher üblich, dreißig Jahre und mehr.

Das alles macht schon einen Unterschied zu früher aus, gewöhnungsbedürftig besonders für die, die der regierenden Generation Merkel angehören, die unter Kohl groß geworden sind.

So weit können wir uns sicher alle noch einig werden. Jetzt aber wird es komplizierter. Denn was bei heterosexuellen Paaren inzwischen als einigermaßen politisch korrekt gilt (sofern nicht ins Schlafzimmer geschaut wird, um es übertrieben zu sagen), ist es bei homosexuellen Paaren offenbar nicht. Da hat sich Rot-Grün so viel Mühe gegeben, hat gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften gleichgestellt, hat Normalität in der sich wandelnden Gesellschaft in dieser Hinsicht herzustellen versucht – aber wenn es dann ans Berichten geht, wenn über die Hochzeit eines schwulen Paares geschrieben werden soll, dann ist es doch nicht so ganz normal. Dann gilt die Zurückhaltung, die eher aus der Kohl-Zeit stammen könnte. Galt bisher.

Guido Westerwelle heiratet Michael Mronz, das ging gerade noch so durch, weil es in seiner Anlage schon fast traditionell wirkte; aber Ole von Beust, der bisherige Hamburger Bürgermeister, und sein 19-jähriger Lebenspartner, das war dagegen ganz schwierig. Dabei dürfte es das nicht sein. Da nämlich war es plötzlich doch nicht normal, ganz normal über das zu schreiben und das aufzuzeigen, was damit zu tun hat (sofern es nicht, wie bei allen anderen Paaren, zu weit geht). Da gab es die Hemmungen wieder.

Die These lautet darum: Bei einem heterosexuellen 55-jährigen Politiker, der sich mit einer 19-jährigen Praktikantin verbindet, und das nicht erst gestern, sondern schon länger, wäre darüber ausführlicher berichtet und nachgedacht worden. Etwas schräg als Beispiele, aber annäherungsweise erlaubt sei der Hinweis darauf, was Joschka Fischer, fünf Ehen, und Gerhard Schröder, vier Ehen, alles über sich lesen mussten. Das waren große Themen, keine kleinen, und politisch waren sie auch.

So, und vor diesem Hintergrund ist Ole von Beust auch ein Thema. Weil sich nämlich politische Spekulationen darum ranken können, die das Denkmal Beust demontieren würden. Es könnte sein, dass die CDU im Wissen um die Verbindung, die ja schon länger existieren soll, Beust vor die Wahl gestellt hat, oder er sich vor die Wahl gestellt sah: Hamburg – oder Lukas Förster. Erklärlich würde dann auch seine eher jugendbewegte Art, sich zu den Gründen seines Rücktritts zu äußern („durchgenudelt“). Das Wort gewöhnlich im Sinne von ordinär macht für das Ungewöhnliche in Hamburg die Runde – das wird Beust, dem Hanseaten, wehtun.

Und wenn man ihm bös’ wollte, könnte man nun seine harsche Reaktion auf (den politischen Paria) Ronald Barnabas Schill mit dessen seinerzeitiger Entlassung auch noch weniger politisch deuten, als es damals ohnehin geschah, sondern höchst persönlich.

Ach ja, wenn jetzt über alles das geschrieben wird, dann ist das normal im Sinne unseres heutigen Zustands der Gesellschaft. Vielleicht war unter Kohl doch alles besser.

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