Meinung : In der Schleife

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Von Christoph Biemann

WO IST GOTT?

Ich kann mir die Eltern lebhaft vorstellen. Sie verdrehen genervt die Augen und versuchen die Diskussion mit ihrem Sprössling zu beenden, indem sie sagen: „Schreib doch an die Sendung mit der Maus, die wissen doch sonst auch alles.“ Und so landet dann in der Redaktion die Frage „Wo wohnt Gott?“

Wahrheitsgemäß habe ich geantwortet: „Das wissen wir nicht.“ Aber weiter recherchiert. Theologen antworten, dass Gott in jedem von uns sei. Das zu glauben fällt mir schwer, wenn ich mir manchen Mitmenschen ansehe. Und um zu glauben, man sei selbst ein bisschen Gott, braucht man schon das Ego eines Jürgen Möllemann.

Die Gnostiker – Leute, die sich viele Gedanken machten – meinten, es müsse so eine Art Bauleiter des Architekten Gott geben: den Demiurgen. Was nicht umsonst wie Murks klingt, denn dem Demiurgen wird all das angelastet, was bei der Schöpfung schief gelaufen ist. Die Biologen sagen, dass sich das Leben, so wie es sich entwickelt hat, nicht wieder so entwickeln würde, selbst unter identischen Bedingungen. Der Demiurg würde also immer andere Fehler machen

Jetzt meinen die Physiker, es gäbe noch mehr Welten, in denen der Demiurg wahrscheinlich auch sein Unwesen treibt – Parallelwelten. In einer von denen hält vielleicht jemand gerade wie Sie eine Zeitung in der Hand. Aber auch solche Welten, deren Parallelität irgendwann aufgehört haben muss, zum Beispiel weil das Flugzeug mit der ersten Atombombe an Bord Maschinenschaden hatte. Oder der Demiurg hat seine Fehler nicht wiederholt. Gibt es Verbindungen zwischen uns und den Parallelwelten?

Die Physiker sprechen kryptisch von Zeitspalten, Schleifen und Schnürsenkeln. Ich bin überfordert, wenn ich das nachvollziehen soll – oder gar glauben.

Statt anzunehmen, dass Gott in irgendeiner Zeitschleife wohnt, stelle ich mir vor, im Traum eines Schmetterlings zu sein, der unsere Welt träumt. Oder sind wir Teil des Komatraums eines Vogels der gerade in einer anderen Welt gegen eine Glasscheibe geflogen ist? Vieles spräche dafür. Oder ich bin es, der den Schmetterling oder den Vogel träumt. Verworren genug sind meine Träume.

Ob Koma oder Karma, Zeitschleife oder Schnürsenkel: Ich finde, Bjarne Reuter kommt in seinem „Zimthaus“ der Sache am nächsten, wenn er dichtet: „Kaiser und Könige mit all ihrer Macht haben noch nie ein Blatt an einen Baum gebracht.“

Aber wie sag ich das meinen staunenden Kindern?

Der Autor ist einer der beiden Väter der „Sendung mit der Maus“ und erklärt Kindern die Welt in „Lach- und Sachgeschichten“.

Die Kolumnen des ersten Jahres liegen jetzt als Buch vor: „Wo ist Er? 52 Antworten auf die Frage ,Wo ist Gott?’“, Evangelische HauptBibelgesellschaft, Berlin; 6,90 Euro. ISBN 3-7461-0173-5

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