Meinung : In der Schmuddelecke

Migrant ist nicht Migrant: Doch die Pisa-Studie weist zu Recht auf große Mängel hin

Susanne Vieth-Entus

Deutschland sitzt seit gestern mal wieder da, wo es immer sitzt, wenn die OECD eine ihrer gefürchteten Pisa-Studien vorstellt – in der Schmuddelecke. Diesmal untersuchten die Forscher, welches Industrieland seine Migranten am besten fördert. Und das Ergebnis ist ebenso niederschmetternd wie bei der letzten Studie: der letzte Platz.

Muss Deutschland sich jetzt endgültig den bildungspolitischen Strick nehmen? Es sieht in der Tat schlecht aus, aber ein paar mildernde Umstände gibt es doch. Fangen wir bei der Frage an, was Migranten überhaupt sind. In Kanada, Australien oder den USA sind das vor allem Menschen, die man ins Land gelassen hat, weil sie gerade gebraucht wurden: junge Leute mit solider Ausbildung. So etwas nennt man „Einwanderungspolitik“.

In Deutschland ist das anders. Hier wurde bis vor kurzem überhaupt geleugnet, dass man ein Einwanderungsland sei. Deshalb kamen neben den Aussiedlern fast nur Menschen hinein, die politisch verfolgt oder von Krieg bedroht waren oder die im Wege des Familiennachzugs darauf ein Recht hatten. Als Resultat verfügt Deutschland über die weltweit „bildungfernsten“ Einwanderer.

Das sind zum Beispiel die türkischen Ehepartner, die nach Deutschland geholt werden. Wie man in türkischen Zeitungen wie der liberalen „Milliyet“ nachlesen kann, gibt es noch immer hunderttausende türkische Mädchen, die nicht oder nur vier Jahre zur Schule gehen: Der gesetzlich eigentlich vorgeschriebene achtjährige Schulbesuch greift auf dem Land überhaupt nicht. Diese Frauen – und zum Teil auch die Männer – beherrschen also nicht einmal ihre eigene Sprache richtig. Was sie ihren Kindern für die deutsche Schule mitgeben können? Nichts. Und deshalb kann man diese Kinder auch nicht mit Migranten vergleichen, die mit ihren gut ausgebildeten Eltern gezielt nach Kanada geholt werden.

Nun ist die OECD zwar klug genug, um auch speziell die Kenntnisse der türkischen Schüler in verschiedenen Ländern miteinander zu vergleichen. Aber auch dieser Teil der Studie ist nur begrenzt belastbar, weil die anderen Staaten wesentlich weniger Einwanderer aus der Türkei haben, so dass sich dort keine türkischen Stadtviertel wie in Berlin bilden konnten.

Angesichts der Probleme, die hier entstanden sind, ist es überfällig, den großzügigen Ehegattennachzug infrage zu stellen, der in der Türkei nicht auf unseren abendländisch-romantischen Vorstellungen von Liebe fußt, sondern auf arrangierten Absprachen zwischen Familienoberhäuptern.

Diese Diskussion muss dringend geführt werden. Doch das ist ein langer Weg. Deshalb muss Deutschland sich jetzt darauf konzentrieren, den Kindern, die schon hier sind, die besten Chancen zu geben. Und das bedeutet: Rein in die Kita, früh in die Ganztagsschule und Schluss mit dem Abschieben der Migranten in Hauptschulen. Mit diesen drei Rezepten hat Deutschland erst mal genug zu tun.

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