Meinung : In der Südsee

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Von Rudolf Thome

WO IST GOTT?

Vor 25 Jahren saß ich auf der Dachterrasse meiner Fabriketage am Potsdamer Platz – vor mir das zerbombte „Haus Vaterland", drumrum eine seit dem Krieg verwüstete Stadtlandschaft, im Hintergrund die Mauer zur DDR, dahinter ein Turm und darin ein bewaffneter Wachtposten – und wartete auf die Entscheidung der Jury des Bundesinnenministers, ob ich Geld bekomme für einen SüdseeFilm mit dem Titel „Beschreibung einer Insel".

Das Projekt war im Jahr davor von allen filmfördernden Institutionen abgelehnt worden. Es war mein letzter Versuch. Die Sonne schien, und ich war betrunken (wie kann man anders eine so unerträgliche Situation überleben?) Da fing ich plötzlich an zu beten. Ganz ernsthaft. Ganz verzweifelt. Aus dem tiefsten Innern meiner Seele heraus. Ohne nachzudenken. Ich habe das Geld dann gekriegt, um den Film zu machen und habe ihn gemacht. Es war für mich müßig, darüber nachzudenken, ob ich das Geld auch gekriegt hätte, wenn ich nicht gebetet hätte. Vielleicht hatte sich die Jury ja schon für mein Filmprojekt entschieden, bevor ich gebetet habe?

Wenn man anfängt, darüber nachzudenken, wo um alles in der Welt dieser Gott, den uns die Bibel beschreibt, sein könnte, gibt es keine Lösung. Wenn er die Welt erschaffen hat, kann er nicht in dieser Welt, kann er nicht Teil dieser Welt sein. Seine Existenz ist für uns genauso wenig vorstellbar wie die endliche Unendlichkeit des Universums.

Als Kind habe ich immer gedacht, wenn ich in der Nacht die Sterne am Himmel angeschaut habe: Irgendwo muss doch alles aufhören. Ich habe mir am Anfang so was wie einen Bretterzaun um die Welt vorgestellt – und hinter dem Zaun war vielleicht der „liebe Gott", der auf uns Menschen aufgepasst hat und der dafür sorgt, dass uns, wenn wir verzweifelt sind und nicht mehr weiterwissen, geholfen wird. Wenn er die Welt erschaffen hatte, gab es für ihn auch Mittel und Wege, uns zu helfen. Wahrscheinlich habe ich deshalb, weil dieser Kinderglaube noch immer in mir lebendig war, gebetet. Später, als ich sehr viel älter war, sind meine Gedanken komplexer, mehrdimensionaler geworden. Ich habe viele, manchmal an „Wunder" grenzende Erlebnisse gehabt, auch mystische Erfahrungen. Ganz besonders auf dieser abgelegenen Insel in der Südsee, auf der ich ein halbes Jahr gelebt habe.

Heute denke ich, Gott und das Universum sind eins. Gott hat sich in das Universum verwandelt, hat sich darin materialisiert. Denn das Universum, das, was wir davon kennen, ist ein jede Vorstellungskraft überschreitendes System von Ordnungen, von Verbindungen. In jedem Teil davon, vor allem natürlich in den Menschen, ist jeweils das Ganze enthalten.

Nur so ist für mich das größte Rätsel des Christentums vorstellbar, dass da vor 2000 Jahren ein Mensch aufgetaucht ist, Jesus, der gesagt hat, dass er Gottes Sohn ist. Ich habe vor acht Jahren mal einen Film mit dem Titel „Das Geheimnis des Universums" gemacht, da taucht ein Mann auf mit einem riesigen Holzkreuz und sagt, er sei Jesus Christus. Ich habe das absolut ernst gemeint. Ich habe das, was in der Bibel steht, ernst genommen. Der damalige Chef der Berlinale hat den Film abgelehnt.

Ich denke, auch George W. Bush und Saddam Hussein sind Gott, auch wenn das, was sie vielleicht demnächst machen werden, unendliches Leid über viele Menschen bringen wird. Denn sie sind Teile des Universums. Auch Dieter Kosslick ist Gott, obwohl er meinen neuen Film „Rot und Blau" für den Wettbewerb der diesjährigen Berlinale abgelehnt hat. Das zu denken, fällt mir allerdings schwer, denn ich bin weder Philosoph noch Pfarrer, sondern ein Filmemacher.

Der Autor ist Filmregisseur und lebt in Berlin. Er drehte unter anderem „Rote Sonne“ mit Uschi Obermeier und „Berlin Chamissoplatz“. Mit „Tigerstreifenbaby wartet auf Tarzan“ und „Just Married“ war er auf der Berlinale vertreten.

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