Meinung : In der Wagenburg

Israels Regierung vergreift sich bei ihren Schuldzuweisungen nach den Anschlägen in Istanbul

Charles A. Landsmann

Die Anschläge gegen zwei Synagogen in Istanbul, die Brandstiftung in der jüdischen Schule bei Paris am gleichen Tag: Sind das logische Folgen antisemitischer Ausfälle in Europa – hässliche Worte führen zu hässlichen Taten? Und: Ist Kritik an der Politik der israelischen Regierung gleich Anti-Israelismus und dieser wiederum Antisemitismus?

So sieht es Israels Außenministers Silvan Schalom: Wer laut über Kollektivstrafen gegen die palästinensische Zivilbevölkerung, über Häuserzerstörungen in den besetzten Gebieten, den Bau des Sicherheitszauns, die Demütigungen an den Straßensperren, den ungebremsten Siedlungsbau klage, der sei letztlich mitverantwortlich für den Terror, für die Toten von Istanbul.

Doch da machen es sich die Hitzköpfe in Israels nationalkonservativer Regierung zu einfach. Wie lässt sich die behauptete Verbindung zwischen der Israel-Kritik europäischer Regierungen und dem menschenverachtenden Terror islamistischer Extremisten denn belegen? Selbst der griechische Sänger Theodorakis und der deutsche Abgeordnete Hohmann haben nie der Gewalt gegen Juden das Wort geredet. Vielleicht kann man ihnen vorhalten, dass sie sich der Wirkung ihrer Worte auf gewisse Kreise nicht bewusst sind – dass sie zwar nicht Terrorakte auslösen, aber Täter sich durchaus auf ihre Ansichten berufen.

Israels Regierung steht unter zunehmendem Druck: Die Meinungsverschiedenheiten mit den USA häufen sich, die internationale Kritik wird immer lauter und im eigenen Land der Protest angesehener Persönlichkeiten breiter. Konkrete Alternativen zum Kurs der Regierung Scharon werden aufgezeigt. Darauf reagieren er und die nationalistischen Betonköpfe im Kabinett mit einer aggressiven Vorwärtsverteidigung. Jeder Kritiker, jeder Gegner wird für antizionistisch, antiisraelisch und antisemitisch erklärt.

Das entspricht dem Weltbild der islamistischen Mordbanden – nur eben umgekehrt. Die Terroristen von Istanbul setzten das Judentum mit dem israelischen Staat gleich und den mit der Politik der aktuellen Regierung. Also seien Attacken auf jüdische Ziele im Ausland gerechtfertigt, weil sie angeblich indirekt den Gegner im Palästinakonflikt treffen. Die Nähe der israelischen Argumentation zur extrem-islamistischen müsste die Regierung in Jerusalem aufschrecken.

Eine Wende in der israelischen Politik würde zwar keineswegs ein rasches Ende des Terrors garantieren. Im Gegenteil, erfahrungsgemäß nehmen die mörderischen Attacken zunächst zu, wenn Israel Gesprächsbereitschaft zeigt. Längerfristig jedoch gibt es keine vernünftige Alternative zu diesem Kurswechsel. Will die Regierung Scharon weitere mörderische Triumphe der Terroristen verhindern, muss sie diese zwar bis aufs Letzte bekämpfen. Dies geht aber nur mit internationaler Hilfe. Jitzchak Rabin hat den Weg gewiesen: „Verhandeln, als ob es keinen Terror gäbe, und den Terror bekämpfen, als ob es keine Verhandlungen gäbe."

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