Meinung : In der Zwischenzeit

Arafat ist am Ende, Scharon der Alte – und alle warten auf die nächste Generation

Clemens Wergin

Seit Freitagabend feiern Juden auf der ganzen Welt das Laubhüttenfest. Manche werden eine Woche in selbst gebauten Hütten oder in Zelten zubringen – und sich so an den Exodus vor mehr als 3000 Jahren erinnern, als die Israeliten durch die Wüste ins Heilige Land zogen und nur provisorisch ihre Zelte aufschlugen.

Provisorisch ist die Lage in Nahost bis heute. Statt Frieden zu machen, regredieren die alten Männer an der Spitze zu den harten Militaristen ihrer Jugend. Jassir Arafat, längst zu seinen terroristischen Wurzeln zurückgekehrt, hat nun den nächsten moderaten Premierminister weggeekelt. Und Ariel Scharon gleicht immer mehr dem, der in den 50ern mit der Kommandoeinheit 101 Vergeltungsschläge gegen Nachbarländer führte, die palästinensische Mudschahedin unterstützten. Die Vergangenheit blockiert die Zukunft.

Dabei weiß jeder, wie eine Lösung auszusehen hätte. So wie das Dokument, auf das sich linke Israelis und moderate Palästinenser nach zweieinhalb Jahren Verhandlungen in Genf geeinigt haben: Israel zieht sich aus fast allen besetzten Gebieten zurück; Siedlungen, die an Israel angegliedert werden, müssen gegen andere Landstriche ausgetauscht werden; die Palästinenser verzichten auf ihr Recht auf Rückkehr nach Israel; Jerusalem wird geteilt und der Tempelberg international überwacht.

Nur der Weg zu solch einer Regelung scheint unendlich weit. Auch wenn die Menschen auf beiden Seiten der Gewalt längst müde geworden sind: Die Politiker tun alles, um diese quälend lange Zwischenzeit zu verlängern. Ariel Scharon schimpft die linken Friedensunterhändler Verräter, als hätten die etwas völlig anderes gewollt als George W. Bush mit seiner Road Map. Und Arafat verschleißt Premierminister in Rekordzeit. Achmed Kurei hat schon angekündigt, dass er nicht mal einen Monat Premier bleiben will – inzwischen dauern die Verhandlungen über palästinensische Kabinette länger als deren Regierungszeit.

Es hat aber auch sein Gutes, dass Kurei so schnell das Handtuch geworfen hat. Nun muss Arafat zeigen, was er will – Terror oder Frieden. Nach dem Rücktritt von Mahmud Abbas vor mehr als einem Monat konnte Arafat eine Antwort noch schuldig bleiben, weil Scharon ihm zu Hilfe kam: Der Beschluss, Arafat auszuweisen brachte viele Palästinenser noch einmal dazu, sich vor den Altersstarren zu stellen. Jetzt ist Arafats Politik erneut in einer Sackgasse. Nun wird er seinem Volk kaum mehr verbergen können: Der Kaiser ist nackt. Und er hat keinen Plan außer dem, an der Macht zu bleiben. Der alles blockierende Arafat, ein israelisches Kabinett, das zur Siedlungspolitik zurückkehrt und eine US-Regierung, die sich zunehmend ausklinkt – der Frieden muss wohl warten. Die Amerikaner werden allenfalls versuchen, den Israelis Änderungen beim Verlauf des Sicherheitszaunes abzuringen. Wenn Arafat es nicht tut, wird vielleicht der Zaun den Einfluss der Terroristen auf den politischen Prozess dämpfen. Doch der wird erst in Jahren fertig. Bis dahin wird man froh sein müssen, wenn die Lage nicht erneut eskaliert.

Die Israeliten zogen einst 40 Jahre lang durch die Wüste. Eine Zeit der Läuterung – und der Erneuerung, war doch in der Wüste eine Generation herangewachsen, die die Sklaverei in Ägypten nicht mehr erlebt hatte. Seit mehr als 55 Jahren stehen sich Arafat und Scharon nun schon als Feinde gegenüber. 36 Jahre dauert die Besetzung der Westbank und Gaza an. Wahrscheinlich wird es Scharon und Arafat mit dem Frieden so ergehen wie Moses mit dem gelobten Land: Er starb, bevor er es betreten konnte. Es war an der Generation nach ihm, die Reise durch die Zwischenzeit zu beenden.

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