Meinung : In die Irre geschickt

Die wichtigste Todesursache der Gasopfer steht fest: Desinformation / Von Alexander S. Kekulé

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WAS WISSEN SCHAFFT

Für James Bond und seinen genialen Waffenerfinder „Q“ wären die 50 Terroristen sicher kein Problem gewesen: Ein geruchloses Spray, dezent verteilt, hätte das Theater augenblicklich in tiefen Schlaf versetzt – kurz darauf wären die verdutzten Bösewichter in Handschellen erwacht. In der realen Welt wird es das perfekte Betäubungsgas jedoch voraussichtlich nie geben: Hunderte von Menschen schlagartig einschlafen – und danach zuverlässig wieder erwachen – zu lassen, ist medizinisch nahezu unmöglich.

Bereits bei den ersten Äthernarkosen vor rund 150 Jahren blieb der eine oder andere Patient „auf dem Tisch liegen", weil das Mittel zu hoch dosiert wurde. Heute übliche Narkosemittel, wie das für Operationen verwendete „Isofluran", wirken zwar schneller und sicherer. Jedoch bremst die tiefe Bewusstlosigkeit auch die Atmung, weshalb Patienten während der Vollnarkose künstlich beatmet werden müssen. Obendrein haben die meisten modernen Narkosemittel einen beißenden Geruch und sind flüssig, weshalb sie mit einem speziellen Verdampfer bei genau kontrollierter Temperatur verabreicht werden müssen. Als Waffe gegen Terroristen sind sie daher nicht zu gebrauchen.

Auch im Giftschrank des Kalten Krieges findet sich kein Wunderstoff, der sofort kampfunfähig macht und trotzdem nicht tötet. Nervengifte wie das berüchtigte „VX" führen zwar durch Manipulation bestimmter Schaltstellen (Synapsen) schlagartig zu Muskelkrämpfen und Bewegungsunfähigkeit, jedoch wenige Minuten später auch zum Tod durch Atemlähmung. Ein abgeschwächter Verwandter des Supergiftes ist das geruchslose Nervengas „BZ", das nur vorübergehend kampfunfähig macht. Da die Wirkung von „BZ" aber erst nach 30 Minuten einsetzt, hätte es den Terroristen zu viel Zeit gelassen.

Daher ist mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass im Moskauer MusicalTheater eine geheime Neuentwicklung russischer Chemiewaffenexperten Premiere hatte. Das muss keinen Verstoß gegen das Chemiewaffenabkommen von 1997 bedeuten, da kampfunfähig machende Stoffe – wie etwa Reizgas oder Tränengas – nicht verboten sind. Auf der Suche nach für Polizeieinsätze geeigneten chemischen Narkosewaffen („Calmatives") werden meist ganz normale Schlaf- und Beruhigungsmittel vernebelt. Nach Aufnahme über die Lunge entwickeln diese alt bekannten Stoffe zum Teil vollkommen neue, durchschlagende Wirkungen. Insbesondere das mit Heroin verwandte „Fentanyl", ein weit verbreitetes Schmerzmittel, streckt nach Inhalation seine Opfer nieder wie ein Drogen-Flash.

In den USA, die angeblich seit einem Jahrzehnt mit Fentanyl-Calmatives experimentieren, kam die Methode jedoch wegen schwerer Nebenwirkungen nie zum Einsatz: Insbesondere bei Kindern und alten Menschen ist mit Atemlähmungen, Herzrhythmusstörungen und Ersticken an Erbrochenem zu rechnen. Hinzu kommt eine besondere Tücke des Fentanyls: Nach dem Aufwachen aus der Bewusstlosigkeit zieht es sich vorübergehend ins Fettgewebe zurück, um dann nach einigen Stunden – etwa auf dem Transport ins Krankenhaus – erneut zuzuschlagen. Wenn der Arzt den Giftstoff kennt, kann er diesen "silent death" verhindern. Auch gegen die anderen "Calmatives" gibt es wirksame Gegenmittel. Falls in Moskau eines dieser Mittel verwendet wurde, hätte ein Feldlazarett mit vorbereiteten Ärzten zumindest einen Teil der Geiseln retten können. Stattdessen kursiert in Moskau derzeit nur ein Geheimtipp unter den hilflosen Medizinern: „Naloxon" – das Gegenmittel für Fentanyl.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Mikrobiologische Medizin an der Universität Halle-Wittenberg.. Foto: J. Peyer

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