Meinung : In einem anderen Land

Von Clemens Wergin

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Nun hat also auch Osama bin Laden seine Rede zum amerikanischen Wahlkampf gehalten. Das Videoband, von dem nur ein Teil im arabischen Fernsehsender Al Dschasira ausgestrahlt wurde, ist so etwas wie eine Botschaft an die amerikanische Nation, kurz bevor die am Dienstag eine weit reichende Entscheidung trifft. Der Versuchung, den Amerikanern aus dem Ausland gute Ratschläge zu geben, hat ja in den letzten Wochen kaum jemand widerstehen können, warum also nicht auch Osama bin Laden? Zynisch genug ist er ja. Aber anders als viele Zeitungen außerhalb der USA, die den Amerikanern eine Wahlempfehlung geschrieben haben, kann sich bin Laden nicht für einen der Kandidaten entscheiden. Egal ob George W. Bush oder John Kerry, die Sicherheit der USA hinge von ihrem Verhalten gegenüber der muslimischen Welt ab, hat bin Laden verkündet. Allein: Welchem der beiden Konkurrenten nützt solch eine Intervention?

Manche sagen, Bush helfe alles, was die Terrorangst der Amerikaner schürt, weil die Wähler ihm auf dem Gebiet der Terrorbekämpfung am meisten zutrauen. Andere sehen durch bin Ladens Auftauchen eine der zentralen Botschaften Kerrys bestätigt: Der Irakkrieg hat Kräfte gebunden, die man besser für die Jagd nach Al Qaida eingesetzt hätte.

Mit einer „Oktoberüberraschung“ kurz vor den Wahlen hatten viele gerechnet. Es wurde über einen erneuten Anschlag in den USA spekuliert. Andere glaubten, der Topterrorist sei längst gefasst, Bush werde ihn kurz vor der Wahl in Handschellen präsentieren. Nun ist Osama bin Laden tatsächlich aufgetaucht in amerikanischen Wohnzimmern, wohlbehalten und seit seiner letzten Videobotschaft auch sichtlich erholt. Sein Erscheinen zeigt vor allem eins: Egal wer am Dienstag zum Präsidenten gewählt wird, die Arbeit ist nicht getan.

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