Meinung : In einem lila Brief

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Von Patrik Schwarz

WO IST GOTT?

So ganz genau weiß man ja nie, finde ich, wo Gott gerade steckt. Vielleicht ist er sogar der Um-die-Ecke-Bieger schlechthin: Ich kann nie sagen, wo er als nächstes auftaucht in meinem Leben – in der Schlange im Supermarkt, beim Osterspaziergang, vor dem Einschlafen. Umgekehrt lässt er sich längst nicht immer, wenn ich ihn suche, auch finden. Zur Zeit wohnt Gott für mich in einem lila Briefumschlag.

Über die Farbe ließe sich streiten. Doch da das Kuvert von meiner Mutter stammt, ist das nicht so wichtig. Wir lassen uns viel Raum, meine Mutter und ich, und vielleicht führt das dazu, dass wir oft sogar zu ganz ähnlichen Einschätzungen kommen.

Das Kuvert enthält ein Familiengeheimnis. Ein paar Blatt Papier, von denen ich bis vor kurzem nicht recht wusste, ob sie überhaupt überliefert sind: ein Brief meines Großvaters an seine vier Kinder. Es war sein Vermächtnis, verfasst für den Fall, dass er nicht aus dem Krieg zurückkehren sollte. Im Februar 1945 fiel er bei Königsberg. Durch den Tod gewannen die Zeilen ein Eigenleben, das bis in meine Generation reicht.

Wir sind nicht gerade abonniert auf Ahnenverehrung in meiner Familie. Der Denkmalsturz von ’68 hat auch uns erreicht. Der Grundzweifel an den Untaten der Kriegsgeneration hat das Bild von ihr selbst dann getrübt, wenn über ihre Taten nicht viel bekannt war. Beim Kinderfasching trug ich mit fidelem Grusel den Säbel durch die Gegend, mit dem der Großvater sich einst auf blutigen Ernst mit Komilitonen schlug. Mein Bild von dem Mann, von dem es kaum Bilder gab, war kein freundliches. Dazu trug auch die mündliche Überlieferung jenes Briefes bei, sein Widerhall in den Familienerzählungen.

Über allem aber stehe die Kirche, so soll es der Patriarch protestantischen Glaubens verfügt haben, ihr alleine möchten die Kinder die Treue halten. Das klang nach „Händchen halten, Köpfchen senken und fleißig an den Führer denken“. Mein Gott war das nicht, der befehlend hereinragte aus Kaiserreich und Führerstaat, Kinder zu ducken und Freigeister zu schrecken.

Und dann kam der Brief, von einer Chagall-Postkarte meiner Mutter begleitet, ein Liebespaar mit Engel (ich bin schön verliebt, verheiratet fast). „Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes, so wird Euch alles andere nicht entscheidend treffen können“, steht da unter dem Datum 9. Juni 1943. Und als wisse der Verfasser, dass das mit Sinnsprüchen so eine Sache ist, heißt es fast inständig: „Bitte betrachtet das nicht als einen frommen Spruch, der so zur Verzierung oder aus altgewohnter Sitte am Anfang steht.“

Staunend saß ich über die Zeilen gebeugt, sechzig Jahre und eine Jahrhundertschwelle, nachdem der fremde Vorfahr sie niedergeschrieben. Kein Tonfall könnte Kaiser Wilhelm ferner stehen: poetisch, zart und von der Überzeugung beseelt, dass man Kindern ihr Leben weder vorschreiben soll noch kann.

Statt Dogmen zu verkünden, spricht ein Mann von der Erfahrung eigener Unzulänglichkeit. „Ich weiß, wie wenig ich das, was ich sage, Euch auch wirklich vorgelebt habe.“ Und er beschreibt die Suche nach einem Gott, der einem so leicht entfleuchen kann, dass die Hoffnung auf ihn nie zur Gewissheit führt. Überhaupt scheint er der Gewissheit im Glauben zu misstrauen, was mir sehr sympathisch ist. Auf die Offenheit für Gott kommt es an. „Die seltenen Stunden des Frommseins lassen sich weder erzwingen noch erarbeiten.“ Gott biegt eben um die Ecke, aus freien Stücken.

Der Autor, 33, ist Ressortleiter Inland der taz.

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