Meinung : In einer E-Mail aus Kentucky

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Von Tissy Bruns

WO IST GOTT?

Auch in diesem Sommer werden auf deutschen Flughäfen wieder diese merkwürdigen kleinen Reisegruppen zusammentreffen: fünf bis zehn junge Leute, 15 oder 16 Jahre alt. Um sie herum viel Auftrieb, Freundinnen und Freunde, Väter, Mütter, Großeltern.

In den Minuten, bevor die jungen Leute in ihren Abflugraum gehen, fließen ungeheuer viele Tränen. Denn sie treten eine lange und weite Reise an, die Schülerinnen und Schüler, die für ein halbes oder ein ganzes Jahr nach Amerika, Kanada oder Australien gehen – eine unvergleichliche Bildungs- und Entwicklungschance.

Aber eben auch: eine Trennung. Es sind „Es ist, wie es ist“-Tränen: Wir freuen uns, dass du dahin gehen kannst, aber der Abschied ist traurig. Auf dem Flughafen spüren alle Eltern ein deutliches Vorgefühl des unvermeidlichen Lebensschmerzes: Bald werden die Kinder ganz ihren eigenen Weg gehen. So muss es sein – und doch möchte man sie eigentlich für immer beschützen.

Vorerst geht es aber nur um ein Jahr oder sechs Monate. Zwar ist es ein Schritt „in die große weite Welt“, aber der Sohn wird in einer Familie leben, zur Schule gehen, die Austauschorganisation passt außerdem noch auf. Es wird schon alles gut gehen, obwohl ausgerechnet in den letzten Monaten lauter Schauergeschichten über den Schüleraustausch erschienen sind und mindestens drei Bekannte jemanden kennen, der ganz schlechte Erfahrungen gemacht hat. Es wird schon gut gehen, obwohl die Gastfamilie erst drei Tage vor Abflug fest gestanden hat.

Die Eltern schlafen schlecht, in der Nacht der langen Flugreise ihres Sohnes nach Kentucky. Sie machen die merkwürdige Erfahrung, dass der ein Meter achtzig lange Sohn in ihrer Erinnerung schrumpft, nach zwei Wochen ist er wie der Zwölfjährige. Sie finden, dass zu viel Freiheit eigentlich gar nicht gut bekommt, seit nicht mehr der frühe Schulbeginn und gemeinsame Mahlzeiten den Alltag formen. Sie sehnen den Sonntag herbei, denn dann wird telefoniert zwischen Berlin und Kentucky. Und sind danach immer leicht ramponiert. Denn es ist unverkennbar, dass der Sohn viel mehr auf die bevorstehenden Sonntagsunternehmungen mit seinen Gasteltern Mitzi und Tim, dem Gastbruder Kyle aus ist als auf Erfahrungsberichte an die Eltern. Als sonderlich tröstlich erweisen sich die Vorzüge der globalisierten Welt nicht, in der man jederzeit telefonieren und e-mailen kann: Der Sohn lebt in vollen Zügen in seiner Welt, erzählen kann man ja später noch. Und die topaktuellen Bilder aus Kentucky, für die doch extra die Digitalkamera angeschafft wurde? Der Sohn bringt sie bei der Rückkehr mit.

Der erste Abschied – und für die Eltern eine ganz neue Erfahrung. Sie lernen ein uraltes Band kennen: das zwischen den Eltern. Überall auf der Welt gibt es Menschen, die Heranwachsende beschützen, ihnen helfen, sie lieben. Wo ist Gott? In einer E-Mail aus Kentucky. Als wir wieder schlecht schlafen, weil der Sohn auf dem Rückflug ist, schreiben die Gasteltern: „Tim hat einen Schlüssel unseres Hauses mitgenommen, wir wollten, dass er immer weiß, dass er auch ein amerikanisches Heim hat.“

Die Autorin arbeitet beim Tagesspiegel; im Januar ist ihr Sohn Tim aus den USA zurückgekommen.

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