Meinung : „In einer zweiten Runde ist alles möglich“

Hans-Hagen Bremer

Er hat viel gerechnet in letzter Zeit. Dabei musste er zwar stets eine große Unbekannte berücksichtigen, die Stimmung in der Sozialistischen Partei, den Willen ihrer Mitglieder, die am heutigen Donnerstagabend in einer Urwahl ihren Kandidaten für die Präsidentenwahl im Frühjahr küren sollen. Doch die Zahlen haben Dominique Strauss-Kahn in der Hoffnung bestärkt, dass er eine faire Chance hat, für die Sozialisten in den Wahlkampf zu ziehen. Das setzt voraus, dass die 219 000 Mitglieder der Partei nicht unbedingt so abstimmen werden, wie es die von den Umfrageinstituten unter ihren Anhängern ermittelten Sympathiewerte für die drei Bewerber, die in den Medien favorisierte Ségolène Royal, den früheren Premierminister Laurent Fabius und ihn selbst, erwarten lassen.

Wenn es also statt der 55 Prozent gemäß der letzten Meinungserhebungen tatsächlich nur 45 Prozent der Stimmen für Royal geben sollte, etwa 35 für ihn und 15 für Fabius, dann käme es in einer Woche zu einer Stichwahl zwischen Royal und ihm, zu der die Karten „völlig neu gemischt würden“, und dann, ja dann, so kalkuliert Strauss-Kahn, „würde alles möglich“. Eine zweite Runde, so sagte er dem „Figaro“, sei daher eine Notwendigkeit.

Weiter hat sich der ehemalige Wirtschafts- und Finanzminister mit Hypothesen nicht vorgewagt. Doch am Ende der zweieinhalb Monate langen Debatte in der Partei und in der Öffentlichkeit erfüllt es ihn mit Genugtuung, dass er, den man als Außenseiter belächelt hatte, sich neben der zum Populismus neigenden Royal und dem klassischen Linken zurückverwandelten Fabius als „moderner Sozialdemokrat“ zu einem ernst zu nehmenden Anwärter auf die Nominierung vorarbeiten konnte. Mit seiner Idee einer „innovativen Linken“ glaubt er sich seinen Konkurrenten „Schritte voraus“.

Der 57-jährige Rechtsanwalt und Wirtschaftsprofessor war 1999 sofort aus der Regierung Jospin ausgeschieden, als die Justiz gegen ihn Ermittlungen wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten einleitete. Der Verdacht erwies sich später als gegenstandlos. Als Abgeordneter und Mitglied des Parteivorstands arbeitete er federführend das Wirtschaftsprogramm der Sozialisten aus. Er ist ein überzeugter Europäer. Außer Englisch spricht er fließend Deutsch. Würde er zum Präsidenten Frankreichs gewählt werden, würde er sofort den engen Schulterschluss mit Deutschland suchen, um eine „große Initiative für Europa“ zu starten.

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