Meinung : In Flaschen investieren

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Von roger boyes

Ganz wie Oskar Lafontaine hatte auch ich in den langen Monaten der jüngsten Krise des Kapitalismus einen gesunden Schlaf. Genau wie Oskar hatte ich den Kollaps seit Jahren vorausgesehen. Anders als Oskar habe ich jedoch keine Euros zu verlieren. Mein Verhältnis zu Geld ist klar: Halt es in Umlauf, gib es so schnell aus, wie Du es verdienst!

Wenn ich investiere, halte ich es mit der Devise „socks rather than stocks“ – im Zweifel lieber Socken als Aktien; übrigens scheinen die bei Peek&Cloppenburg gekauften Socken länger zu halten als die aus dem KaDeWe. Natürlich dauert es auch viel länger, sie zu kaufen, weil bei Peek&Cloppenburg weiterhin sozialistische Regeln gelten. Zuerst muss man einen Verkäufer finden, der das Etikett entfernt, dann reiht man sich in die Schlange vor der Kasse ein, um zu bezahlen; und schließlich muss man noch einmal anstehen, um die Socken in Empfang nehmen zu können. Die verlorene Arbeitszeit setzt noch einmal 40 Cent auf den Preis von 6,50 Euro drauf.

Bier statt Aktien

Den besten Tipp für eine lohnende Investition bekam ich kürzlich von einem befreundeten Banker (wir gingen zusammen zur Schule – er hatte damals einen großen roten Pickel auf der Nase, jetzt verdient er 400 000 Pfund im Jahr). Wenn Du, so rechnete er mir vor, vor einem Jahr für 1500 Euro Enron-Aktien gekauft hättest, wären die jetzt gerade noch 25 Euro wert. Wenn Du für 1500 Euro WorldCom-Aktien gekauft hättest, bekämst Du heute nur noch 7,50 Euro dafür. Aber wenn Du damals für 1500 Euro Bitburger gekauft, das ganze Bier ausgetrunken und die Pfandflaschen zurückgebracht hättest, dann hättest Du heute immerhin noch 150 Euro auf der Hand. Ergo: Halte Deine Gewinne flüssig und verlier bloß nicht das Vertrauen in die Grünen!

Nach der Besichtigung der Nordischen Botschaften in Berlin kamen mein Freund Rainer und ich auf eine weitere Idee für eine rezessionsresistente Investition: Fensterputzen. Die aktuelle architektonische Besessenheit, überall Glasfassaden zu errichten – kehrt doch zurück zum Konkreten, sage ich dazu stets –, bedeutet, dass es immer eine Nachfrage für gute Fensterputzer geben wird. Zumindest in Deutschland. In Großbritannien haben die Unternehmen ihre Verträge mit den Fensterputzern gerade eingeschränkt: nur noch alle drei Monate. Wir können aber ganz sicher sein, dass Deutschland dem angelsächsischen Modell nicht folgen wird.

In Mode gekommen ist die mittelfristige Investition in Politiker. Die meisten scheinen in Schulden zu stecken und momentan ziemlich billig zu haben zu sein. Nur muss man sicher gehen, sie vor der nächsten großen Wahl wieder rechtzeitig abzustoßen. Dann verlieren die meisten von ihnen nämlich deutlich an Wert.

Der Autor ist Deutschland-Korrespondent der britischen Tageszeitung „The Times“ und lebt in Berlin. Foto: privat

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