Meinung : In schlechten Zeiten

Was Harald durfte und was Dieter darf, darf Susanne noch lange nicht

Elisabeth Binder

Ausgerechnet eine so stille und feine Frau wie Susanne Juhnke. Ausrechnet sie wird zur Symbolfigur der Rechte von Frauen in Konflikten mit ihren Ehemännern. Ein Sohn und ein Anwalt des alkohol- und demenzkranken Entertainers Harald Juhnke wollen ihr verbieten, ihre Sicht seines Weges ins Pflegeheim in ihrer Biografie „In guten und in schlechten Zeiten“ zu schildern und dabei Details aus ihrem gemeinsamen Leben preiszugeben. Susanne Juhnke als Frontfrau des Feminismus? Das war nicht zu erwarten. Aber vielleicht überfällig. Denn die Auseinandersetzung ist streckenweise von unerträglicher Heuchelei geprägt.

Frauen haben vieles erreicht, was für die Prä-68er noch nicht selbstverständlich war: Kinder und Karriere schließen sich nicht mehr aus, ihre Netzwerke beginnen zu funktionieren, die Zahl der Frauen, die sich noch erinnern können, dass vor 50 Jahren ein Ehemann den Job seiner Frau kündigen konnte, ohne sie um Erlaubnis zu fragen, sinkt stetig gegen Null. Doch in entscheidenden Fragen greifen die alten Mechanismen noch, streng nach dem Prinzip „Quod licet Jovi non licet Bovi". Der Ochse mit den beschränkten Rechten ist in diesem Fall die Frau, der Mann ist Zeus, der alles darf.

Susanne Juhnke also hat die Geschichte einer schwierigen Ehe aufgeschrieben. Einer Ehe mit einem Mann, der sein Leben ganz bewusst öffentlich lebte. Kaum ein Alkohol-Absturz, dem nicht in den letzten halb bewussten Momenten ein kurzer Anruf bei der „Bild“Zeitung vorangegangen wäre. Er wollte im Geschäft bleiben, er wollte, wie er mal sagte, stellvertretend sündigen, damit ihm alle umso mehr Sympathie entgegenbrächten. Und er wurde auch geliebt. Er war ein großer Künstler, der das Rampenlicht brauchte wie die Luft zum Atmen. Vielleicht war ihm deshalb jedes Mittel recht, in den Schlagzeilen zu bleiben. Niemand nahm wirklich Anstoß daran. Männern werden, egal worum es geht, zunächst gern edle Motive unterstellt. In diesem Fall hat ein besessener Künstler seine Scham der Kunst geopfert. Wird man ja wohl dürfen.

Seine Frau, die ihre eigene vielversprechende Karriere aufgegeben hatte, hat sich das alles angeschaut, hat es ertragen und ist da geblieben, bis zum bitteren Ende. Als sie plötzlich Geld verdienen muss, um die Pflege für ihren unheilbar kranken Mann zu finanzieren, werden die Klischees zu Furien. Sie war bewusst im Hintergrund geblieben, nun muss sie sich auf den Markt der Talkshows zerren lassen, um für ihr Buch zu werben.

Dass ihr unterstellt wird, nicht im Sinne ihres Mannes zu handeln, ist nicht ohne bittere Ironie. Sie selbst hat die peinlichen Szenen mit Harald Juhnke, einem jungen Mädchen und vielen leeren Champagnerflaschen vor Dutzenden von Kameras übersehen und verdrängt. Dass der gleiche Mann, der keine Scheu hatte, sich so zu entblößen, plötzlich eine Mimose geworden sein soll, mag man kaum glauben. Ebenso wenig kann man in der einst so scheuen Frau, die ihren Mann nie allein gelassen hat, auf einmal eine skrupellose, geldgierige Selbstdarstellerin sehen. Wenn einer wie Dieter Bohlen tingelt, ist das Kult. Bei Frau Juhnke fällt die Werbung für ihr Buch automatisch in ein niederes Fach. Selbst Harald Schmidt fragt zynisch: „In welcher Talkshow ist Frau Juhnke heute denn?“

Das Spiel ist fast aus. Verletzt hat sie sich erstmal zurückgezogen. Ins Haus, wo Frauen mit ihren notorisch niedrigen Instinkten anscheinend immer noch am besten aufgehoben sind.

Für die Feministinnen draußen scheint es doch noch mehr zu tun zu geben, als ihre jungen Schwestern wahrhaben wollen.

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