Meinung : In schwindelnden Höhen

Merkel hält an Meyer fest, weil ihr schon zu viele Mitstreiter abhanden gekommen sind

Axel Vornbäumen

W ar da nicht mal was – ein Etikett, so unangenehm und nachhaltig klebend, dass es einer Partei komplette Wahlkämpfe sogar in Serie verhagelte? Kurzer Blick zurück ins Jahr 1994: Damals warf sich die FDP in einem Anfall von wenig volksnaher Hybris in die Brust, die „Partei der Besserverdienenden“ zu sein. Das kam nicht allzu gut an. Es brauchte ein paar Jahre, bis die Liberalen das Image der Eiseskälte wenigstens leidlich abstreifen konnten.

Und nun also die CDU. Die ist zwar klug genug, auch groß genug, ihre Klientel so trennscharf lieber doch nicht zu definieren – nur, sie hat bedauerlicherweise plötzlich selbst einen Besserverdienenden in den eigenen Reihen: Laurenz Meyer, seit Oktober 2000 mit stattlichem Salär als Mann fürs Grobe im Dienste Angela Merkels tätig, hat doch ein bisschen viel Energie darauf verwendet, den eigenen Übergang von der Privatwirtschaft in die Politik reibungslos zu gestalten. Das Etikett, das nun an ihm klebt, ist wenig schmeichelhaft, es lautet: Raffgier.

Los wird Laurenz Meyer dieses Etikett in den kommenden zwei Jahren bis zur Bundestagswahl nicht mehr, soviel kann man schon verraten – auch wenn er nun, in einem Anfall verspäteter Einsicht, viereinhalb Jahre nach Erhalt des Geldes, 80 000 Euro an SOS-Kinderdörfer weiterleiten will. Doch das Raffzahn-Image wird bleiben – das ist bitter, wahrscheinlich weniger für ihn selbst, so darf man annehmen, denn anders ist sein ungenierter Umgang mit der doppelten Entlohnung in den zurückliegenden Jahren nicht zu erklären. Bitter ist es vor allem für die CDU und Angela Merkel. Wann immer sich nämlich ihr Frontmann in den kommenden, wahlkampfgeprägten Monaten zu Wort melden wird, ob zu moralischen oder finanziellen Angelegenheiten, es wird Rot–Grün ein Genuss sein, den Generalsekretär als Doppelmoralisten vorzuführen.

Das ist lästig, für Angela Merkel, insofern darf man getrost davon ausgehen, dass Laurenz Meyer ihr längst lästig geworden ist. Warum wird sie ihn nicht los?

Ach, es wäre so einfach. Natürlich müsste die CDU-Chefin dem alerten Westfalen den Laufpass geben, schon aus Gründen der eigenen Glaubwürdigkeit, und auch, weil sie ja selbst in Sachen parteiinternem Affärenmanagement, beim Umgang mit den unseligen schwarzen Kassen, einen Ruf zu verteidigen hat. Aber so einfach ist es halt auch wieder nicht: Denn bei ihrem langen Weg zur angestrebten Kanzlerschaft ist der Vorsitzenden so mancher kluge Kopf abhanden gekommen – ein wenig erinnert Angela Merkel mit ihrer sich stets weiter ausdünnenden Truppe mittlerweile an eine Seilschaft, die auf ihrem steilen Weg zum Gipfel immer mehr zurücklassen muss.

Das macht es so schwer, nun auch noch freiwillig auf den eigens für den Aufstieg geholten treuen Sherpa Meyer zu verzichten – zumal der noch Puste hat.

Man darf sich nichts vormachen: Es ist, mal wieder, ein klarer Fall von Interessenabwägung, der im Adenauer-Haus diskutiert werden musste. Und so spielte weniger die Etikette eine Rolle, sondern das Etikett: Dass Laurenz Meyer diese Vorweihnachtswoche in seinem Parteiamt übersteht, liegt nicht daran, dass er sein Herz für arme Kinder entdeckt hat, sondern vor allem daran, dass seine Chefin sich auch vor dem Image fürchten muss, in den eigenen Reihen als eiskalte Machtpolitikerin zu gelten.

Und Laurenz Meyer? Man wüsste gerne, wie es ihm derzeit geht. Ist ihm Weihnachten verhagelt, weil das Geld futsch ist – oder ist er erleichtert? Hat er den Scheck an das SOS-Kinderdorf schon ausgefüllt oder überlegt er noch, ob er die Spende wohl von der Steuer absetzen kann? Hat er einen Augenblick daran gedacht, die 80 000 Euro nebst Zinsen zu überweisen oder hat er das dann verworfen, weil das die Öffentlichkeit als zu anbiedernd hätte bewerten können? Und auch, weil es knapp 20 000 Euro spart, konservativ angelegt.

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