Meinung : In seinem zerstörten Haus

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Von Jasmina Njaradi

WO IST GOTT?

Für meine Großmutter war die serbisch-orthodoxe Kirche alles: ihr Heim, ihre Schule, ihr Leben. Sie war die Tochter eines Priesters und lehrte mich das Alphabet der Orthodoxie. Ihre Tochter, meine Mutter, sagt nur selten „Oh Gott“. Aber wenn sie es sagt, erstarre ich. Mama ist überzeugt, dass alles in Gottes Händen liegt. Mir hat sie sicherheitshalber beigebracht, an mich selbst zu glauben. Dank Großmutter ist Gott ein Bestandteil von mir. Dank Mama bin ich mein eigener Gott. Das klingt philosophischharmonisch, ist es psychologisch aber nicht. Ich habe es schwerer, weil ich mich nur auf mich selbst verlasse. Ich denke selten über Gott nach, meist über mich und die Menschen. Menschliche Untaten sind viel irrationaler als Gottes Werke.

Im Internet lese ich die Nachrichten aus Serbien. Nicht weil ich Masochistin wäre, es ist mein Job. „Albanische Demonstranten im Kosovo stecken serbische Heiligtümer in Brand. Allein in Prizren stehen alle fünf Objekte der orthodoxen Kirche in Flammen. Das Priesterseminar, das Episkopat, die Kirche der Muttergottes Ljeviska, der Tempel des Heiligen Georg und das Erzengelkloster.“ – Ich höre mich sagen „Mein Gott!“, und mir wird kalt. Ich hatte gedacht, ich gehörte mir und nicht Mama und Großmutter. Der Vandalismus lähmt meinen Verstand und meine Gefühle. Wer wagt es, Heiligtümer anzutasten? Es geht nicht nur um ein geistliches Erbe und einen der wichtigsten zivilisatorischen Quellen der serbischen Kultur … Das ist MEIN Heiligtum, das jemand in Schutt und Asche legt. Mit welchem Recht?

Die Zeitmaschine entführt mich in das Prizren meiner Kindheit – 1962. Vor einer Ikone in der Kirche der Muttergottes Ljeviska wurde Ankica meine Freundin. Sie weinte. „Spürst du diese Schönheit?“, fragte sie mich. Sie kam mir unheimlich erwachsen vor. Erst mit 17, in der Kathedrale am Markusplatz in Venedig, rührte mich die Schönheit einer Kirche zu Tränen. Beim Springbrunnen im Hof einer Moschee in Sarajevo weinte ich nicht, aber ich fühlte die Berührung des göttlichen Friedens. Nie zuvor. Bis dahin ahnte ich nur, seitdem weiß ich: Es gibt nur einen Gott, unabhängig von all den kulturellen und religiösen Ausformungen. Die kosovarischen Vandalen meinten, mit dem Abbrennen einer orthodoxen Kirche den serbischen Gott zu töten. Die heilige serbische Rache bildete sich anderntags ein, mit dem Niederbrennen der Moscheen in Belgrad und Nis den islamischen Gott in die Knie zu zwingen. Ich versuche nicht mehr, das Unbegreifliche zu verstehen. Ich begnüge mich mit dem, was ich zu wissen glaube: Serben und Albaner töten denselben Gott, den Gott in sich.

Früher glaubten die Menschen, dass auf jede Untat Gottes Strafe folge. Sind wir klüger geworden? Die menschliche Rache folgt auch heute ohne Zögern. An der Tür zum Paradies, wo die alten Codices der Moral und Menschlichkeit bewahrt werden, hat jemand das Schloss ausgewechselt und den Schlüssel verschluckt. Sollen wir ein neues Paradies suchen, oder dem ersten Verdächtigen den Bauch aufschlitzen ?

Tags, im Wachzustand, suche ich rationale Erklärungen. Nationalismus im Verein mit Primitivismus führt zu Vandalismus – Punkt. Nachts träume ich nicht, sondern falle in Verzweiflung. Gott, verzeih ihnen, wenn sie nicht wissen, was sie tun. Aber wenn sie es gerade tun, weil sie es wissen?

Viele Serben meinen, und einige wagen mich das auch zu fragen, wie ich das verbrecherische Abbrennen orthodoxer Kirchen mit der Reaktion darauf, der Zerstörung von Moscheen, gleichsetzen könne. Auf die Bajrakli-Moschee in Belgrad, ein staatlich geschütztes Denkmal, wurden seit 1991 sieben Anschläge verübt. Eine Reaktion? Worauf?

Ich habe dieses Gerede über Aktionen und Reaktionen satt. Und das Rechten darüber, wer angefangen habe. Es sind Pseudoanalysen, denn niemand sucht eine Schuld bei sich. Irgendwo auf der Welt vernichtet auch in diesem Moment jemand die genetische Chiffre einer Kultur, um eine ethnische oder religiöse Monokultur zu schaffen. Die Zukunft soll nichts über die Vergangenheit wissen. Alle Schreie zum Himmel sind vergeblich. Die Götter sind stumm.

Um nicht verrückt zu werden, vertraue ich auf meine Heiligtümer. Einige sind vom Erdboden getilgt, aber in meinem Bewusstsein sind sie unangetastet vorhanden. Ich habe auch Berlin, das Brücken zwischen Kulturen und Religionen baut. Und zum Glück habe ich meinen Baum im Schlosspark Charlottenburg. Unter ihm ist mein Altar.

Die Autorin stammt aus Belgrad, lebt seit 1990 in Berlin und arbeitet als freie Journalistin, unter anderem für Radio Multikulti des RBB.

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