Meinung : In seiner Treue

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Von Karl Jüsten

WO IST GOTT?

Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?" So schreit Jesus am Kreuz in der Stunde des Todes. „Wo ist Gott?“, hätte er wohl auch rufen können.

Der Sohn Gottes fühlte sich in der Stunde seiner größten Not von Gott verlassen. Wie sehr müssen der Leidensweg und das Kreuz an den Grundfesseln seiner Existenz gerüttelt haben, dass er diesen Schrei tat. Wie gut werden ihn die verstehen, die Gott fern sind, die an Gott verzweifeln, die Gott vielleicht noch nie erfahren haben oder die Gott einmal sehr nahe waren, ihn aber in ihrem Leben nicht mehr erkennen. Wie nahe werden ihm beim Hören dieses Aufschreis diejenigen sein, die selber schwerstes Leid zu tragen haben.

Ist angesichts des Leides, der Natur- und Hungerkatastrophen, der Unheilbarkeit von Krankheiten, der Verbrechen gegen die Menschlichkeit, der gegenwärtigen Terrorakte gegenüber Unschuldigen oder der aktuellen Genozide in Afrika die Gottesfrage heute nicht immer noch genauso berechtigt, wie Jesus sie sich in der Stunde bitterster Drangsal selbst stellte?

Der gläubige Mensch kommt an der Frage, warum Gott das Leid zulässt, nicht vorbei. Ja, er muss eingestehen, dass er auch nach 2000 Jahren Christenheit immer noch keine befriedigende Antwort hat: Wir können das Leid nicht erklären. Und es fällt schwer, darin einen tieferen Sinn zu erblicken.

Wir können uns gegen das Leid auflehnen und es zu lindern suchen, wenn es uns persönlich trifft. Wir werden es aber nicht aus der Welt schaffen. Wir müssen es akzeptieren. So wie Jesus es tat, als er das Leid auf sich genommen hat.

Mit der Annahme des eigenen Leidens und der Erfahrung der Gottesferne sollte Jesu Mission nicht enden. Darin liegt vielleicht ein Schlüssel, um mit der Realität des Leides besser fertig zu werden. Am Ende seines Leidensweges steht nicht die Gottesferne, sondern die Erfahrung von Zuwendung. Gott lässt Jesus nach seiner Passion nicht in die Finsternis des Todes hinabsteigen, um ihn dort zu belassen – er erweckt ihn von den Toten. Das ist in den Augen einer aufgeklärten, rationalen Welt eine Ungeheuerlichkeit: Auferstehung von den Toten! Welche Hoffnung kann Jesus Christus seither der Menschheit machen.

Die Erfahrung der Gottverlassenheit ist nicht die letzte im Leben Jesu, sondern die der Liebe. Im Leid und in der Stunde des Todes ist der Vater da.

Wer daran glauben kann, dass Gott im Leiden bei uns ist und dass am Ende des eigenen Lebens ein neuer Anfang steht, hat eine optimistische Perspektive. Sie hilft, das eigene Leid und das der Welt hinzunehmen, und sie spornt an, die bestehenden Verhältnisse zu verbessern. Wer akzeptiert, dass das Leid in der Welt nie völlig bewältigt werden kann, verfällt nicht der Allmachtsfantasie, Herr über das Leid, das Leben und das Sterben zu sein – weder am Anfang, noch am Ende.

Gott hat bei seinem Sohn durch die Auferweckung von den Toten alles zum Guten gewendet. Warum sollte er das eigentlich heute nicht auch noch tun? Gott ist ein treuer Gott. Wo ist er? Er ist immer da: im Alltag, im Leiden, im Sterben, im Tod und bei seiner Zusage, dass am Ende unseres Lebens der Anfang eines neuen steht!

Der Autor ist Prälat und leitet das Katholische Büro in Berlin.

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