Meinung : In Tuttlingen ist man nicht so

Die CDU und die Sexualmoral: Was für Hamburg gilt, gilt für Baden-Württemberg noch lange nicht

Harald Martenstein

Die CDU ist unterwegs. Sie entwickelt sich von einer sozialen und konservativen Partei – der Partei von Norbert Blüm und Manfred Kanther – zu etwas Neuem. Dieses Neue ist vorerst nur in Konturen sichtbar, irgendwie liberal wird es wohl sein, ganz bestimmt pragmatisch und weltanschaulich nicht sehr festgelegt. Angela Merkel ist vermutlich eher ein Symptom für die Veränderung der CDU als ihr Motor.

Ein wichtiger Schritt für die CDU ist in dieser Hinsicht die Affäre Ronald Schill gewesen. Ein Rechtspopulist hat versucht, einen CDU-Ministerpräsidenten, den Bürgermeister von Hamburg, mit dessen Homosexualität zu erpressen. Ole von Beust aber ging in die Offensive und stand am Ende als strahlender Sieger da. Die CDU hatte ein neues Gesicht, das einer, sagen wir ruhig: modernen Partei, die jeden nach seiner Façon selig werden lässt und auf sexualmoralische Vorschriften verzichtet.

Nun wird die Angelegenheit Ole von Beust sozusagen ein zweites Mal aufgeführt, mit anderem Personal, anderem Drehbuch und in einem eher ländlichen Setting. In Baden-Württemberg wurde der recht beliebte und leidlich erfolgreiche Ministerpräsident Erwin Teufel abgesägt. Teufels Vergehen bestand darin, dass er einem ehrgeizigen Möchtegern-Nachfolger im Weg war. Nun soll die Partei sich zwischen Günther Oettinger und Annette Schavan entscheiden. Letztere ist ledig und kinderlos, was in Dörfern, auch baden-württembergischen, immer schon für Gerede sorgte. Ist sie womöglich lesbisch? Am Montagabend ist Annette Schavan, wie einst Ole von Beust, in die Offensive gegangen, natürlich nicht in Hamburg, sondern in Tuttlingen. Sie sei keineswegs lesbisch.

Schavan hätte sagen können: „Das geht niemanden etwas an.“ Oder sie hätte folgendermaßen reden können: „Ich bin nicht lesbisch. Aber ich halte es auch nicht für eine Schande, lesbisch zu sein. Ich bin katholisch, deswegen halte ich Homosexualität für Sünde, aber eine Schande ist es nicht. Ich verlange, dass man meine Haltung in dieser Moralfrage akzeptiert, aber ich zwinge meine Haltung auch niemand anderem auf. Wir sind eine Partei, die den Menschen in sexueller Hinsicht nimmt, wie er ist. Denkt an unseren erfolgreichen schwulen Bürgermeister in Hamburg! Ist der vielleicht eine Schande für die CDU? Oder macht es etwa einen Unterschied, ob ein Mann homosexuell ist oder eine Frau? Haben wir als CDU vielleicht eine spezielle Moral für Männer, und eine andere für Frauen, oder eine spezielle Moral für Hamburg, und eine andere spezielle Moral für Tuttlingen, je nachdem, was die Leute in welcher Stadt lieber hören? Das wäre bigott. Dann wäre unsere Liberalität in Hamburg ja genauso verlogen wie unsere Moralität in Tuttlingen.“

So redete Annette Schavan leider nicht. Stattdessen sagte sie, sehr aufgebracht, es sei „Rufmord“, „Verleumdung“, „schäbig“ und „absurd“, sie der Homosexualität zu verdächtigen. So gibt sie, indem sie sich gegen den Mief wehrt, dem Mief in gewisser Weise Recht. Denn „Rufmord“ kann einer nur begehen, indem er den anderen einer Untat bezichtigt. Ist es wirklich tödlich, in der Tuttlinger CDU homosexuell zu sein? Und wenn es tatsächlich so ist – welche Optionen hätte Annette Schavan dann gehabt, gesetzt den hypothetischen Fall, sie sei tatsächlich lesbisch? Karriere beenden? Verdrängen? Aus dem Dorf flüchten, das Baden-Württemberg heißt, nach Berlin oder Hamburg ziehen? Wie vor 50 Jahren?

Die CDU ist unterwegs. Seit Montagabend kann man sagen, dass es sich – bis auf weiteres, immer noch – um eine bigotte Partei handelt.

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