Indianer : Nicht berühren!

Für isolierte Indianerstämme ist die Zivilisation tödlich: Fallen sie nicht der Gier des weißen Mannes zum Opfer, kommen sie durch eingeschleppten Seuchen um. In jedem Fall sind die Tage der letzten unbehelligten Dörfer gezählt.

Alexander S. Kekulé
Indianer
Mitglieder des unlängst entdeckten Stammes in Brasilien. -Foto: AFP

Wir befinden uns im Jahr 2008 nach Christus. Die ganze Erde ist von der Zivilisation besetzt. Die ganze Erde? Nein! Einige von unbeugsamen Wilden bevölkerte Dörfer hören nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten …

Etwa einhundert von der Zivilisation unberührte Stämme soll es weltweit noch geben, rund achtzig davon leben in Südamerika. Auf den Internetseiten der Schutzorganisation Survival International werden sie vorgestellt wie bedrohte Tierarten: Aussehen und Verbreitung, Lebensgewohnheiten, geschätzter Bestand, Gefährdung.

Vergangene Woche bekam die Rote Liste bedrohter Menschenvölker einen neuen Eintrag: Die brasilianische Indianerschutzbehörde veröffentlichte Luftaufnahmen eines abgeschiedenen Stammes, der offenbar ohne jeden Kontakt zur Außenwelt in der Tiefe des Amazonasurwaldes lebt. Auf den beeindruckenden Fotos sieht man fast nackte, rot und schwarz bemalte Krieger, die mit Pfeil und Bogen auf das tief fliegende Flugzeug zielen – die urzeitlichen Indianer fühlten sich offensichtlich wie von Außerirdischen angegriffen. Oder sie dachten, der Himmel würde ihnen auf den Kopf fallen.

Mit ihrer instinktiven Abwehr lagen die tapferen Steinzeitkrieger gar nicht so falsch: Der Kontakt mit den Aliens aus der zivilisierten Welt endet für Urvölker fast immer tödlich. Seit der Entdeckung des Amazonasgebiets im 16. Jahrhundert fielen zehntausende Indianer der Gier des weißen Mannes zum Opfer, für den der Regenwald dreieinhalb Jahrhunderte lang nicht mehr als eine Quelle für Sklaven, Kautschuk und Gold war. Doch außer Verschleppung, Vergewaltigung und Mord drohte den Ureinwohnern noch eine andere, besonders heimtückische Gefahr: Wenn die Schiffe der Eroberer wieder fortgesegelt waren, kamen die Seuchen. Infektionen wie Masern, Mumps, Grippe, Tuberkulose und Geschlechtskrankheiten forderten unter den Ureinwohnern neu entdeckter Gebiete weit mehr Todesopfer als Sklaverei und Kolonialisierung. Alleine in der Neuen Welt wird die Zahl der Opfer eingeschleppter Seuchen auf mehrere Millionen geschätzt. Im 18. Jahrhundert brachte James Cook bei seinen Entdeckungsreisen ein gutes Duzend Infektionskrankheiten mit, die Urbevölkerung Polynesiens wurde auf einen Bruchteil dezimiert (ein Übriges taten eingeschleppte Ratten und Hunde, die die einheimische Fauna und die Lebensgrundlage der Eingeborenen zerstörten).

Der Grund für diese verheerende Wirkung der Infektionserreger ist ein untrainiertes Immunsystem: Krankheiten wie Masern, Grippe und Tuberkulose waren in Europa seit Jahrhunderten verbreitet. Deshalb hatte das Abwehrsystem der meisten Europäer bereits in der Kindheit gelernt, damit umzugehen. Die Menschen in den neu entdeckten Überseegebieten waren dagegen „immunologisch naiv“: Die europäische Kinderkrankheit Masern etwa tobte dort als verheerende, tödliche Seuche. Umgekehrt erkranken Tropenreisende oft schwer an Durchfall, Tropenfieber und Malaria, wogegen die Einheimischen teilweise gefeit sind.

Deshalb ist beim Kontakt mit bisher isoliert lebenden Ureinwohnern größte Vorsicht geboten. Impfungen könnten zwar einem Teil der Zivilisationskrankheiten vorbeugen. Doch gibt es gegen viele Erreger keine zuverlässigen Impfstoffe. Zudem lehnen ursprünglich lebende Völker die Medizin des weißen Mannes häufig ab.

Seit einigen Jahren ist Brasilien deshalb bemüht, seine etwa 60 indigenen Stämme in Ruhe zu lassen und nur gelegentlich aus der Luft zu beobachten. Allerdings bekamen die meisten von ihnen kein eigenes Land zugesprochen, obwohl Brasilien nach der Konvention über die Rechte indigener Völker dazu verpflichtet wäre.

Noch schlechter geht es den Urvölkern im benachbarten Peru, wo die Regenwälder hemmungslos abgeholzt werden. Ackerbau, Viehzucht, Holzwirtschaft und die Erschließung neuer Gold-, Eisen-, Aluminium- und Uranvorkommen im Amazonasbecken sind im Zweifel wichtiger als der Schutz bedrohter Lebensformen, auch menschlicher. Die Tage der letzten unbeugsamen, von der Zivilisation unbehelligten Dörfer des Planeten sind gezählt.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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