Meinung : Indonesien: Die Transformation frisst ihre Kinder

Robert von Rimscha

Es gibt Länder, die sind zum Verzweifeln. Händeringend betrachten wir Gesellschaften, die sich aus den Fesseln ihrer Vergangenheit zu befreien suchen, aber jedes Quäntchen Freiheit mit Chaos erkaufen. Indonesien ist ein Paradebeispiel hierfür. 32 Jahre lang hat der Autokrat Suharto regiert. Jetzt ist sein zweiter Nachfolger in nur drei Jahren am Ende.

Der erste hieß Jusuf Habibie und fungierte als Nachlassverwalter des Ancien Regime. In Übergangszeiten verblasst politischer Ruhm schnell. Habibie führt in seinem aktuellen Lebenslauf an 33. Stelle auf, dass er von Mai 1998 an Präsident Indonesiens war.

Wesentlich weiter vorne wird vermerkt, dass er am 11. November 1980 das Große Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband der Bundesrepublik Deutschland verliehen bekam. Bonn und Berlin hatten stets beste Beziehungen zu Indonesien. Jakarta war ein Führer der Blockfreienbewegung, unter Suharto ein Bollwerk gegen den Vormarsch des Kommunismus in Südostasien, ein wirtschaftlich interessanter Tiger-Staat. Eine strategisch-ökonomische Dimension, die so verblasst ist wie Habibies Interregnum.

Stattdessen kamen zuerst die Asien-Krise und die gewaltsame Loslösung Ost-Timors, dann der Steppenbrand der separatistischen Bemühungen. Heute gibt es kaum mehr eine Region im viert-volkreichsten Land der Welt, in dem nicht mit der Eigenstaatlichkeit geliebäugelt wird. Hinzu kommen eine schwache Justiz, ein ratloses Militär, eine kränkelnde Wirtschaft, eine kriselnde Währung, abebbender Tourismus, ethnische und religiöse Feindschaften.

Noch-Präsident Wahid trat Suhartos und Habibies Erbe mit vielen Vorschusslorbeeren ausgestattet an. Er galt als der tolerante islamische Gelehrte, der erfahrene Strippenzieher, der es ja immerhin auch geschafft hatte, trotz des Wahlsiegs seiner heutigen Vizepräsidentin Megawati Sukarnoputri selbst das höchste Amt im Staat zu erringen. Denn Wahid verstand es, die Mehrheit im Parlament zu überreden und auf seine Seite zu ziehen.

Eben dieses Parlament entzieht Wahid nun das Vertrauen. Am 1. August wird über seine Absetzung entschieden. Die Mehrheit steht gegen den blinden Alten. Besonders seriös ist das Impeachment-Verfahren aber nicht. Erst dienten zwei Finanzskandale als Anlass für Rügen - Vorwürfe, die strafrechtlich in sich zusammenfielen. Dann wollte Wahid den Notstand ausrufen, um seine Macht zu retten, und eben dieser Schritt galt den Abgeordneten als erneuter Beweis für seine Selbstherrlichkeit.

Die Transformation frisst ihre Kinder. Erst Habibie, jetzt Wahid. Nachrücken dürfe Megawati, von der der "Economist" kürzlich süffisant behauptete, im Vergleich zu ihr erscheine George W. Bush wie ein Intellektueller. Megawati, die Tochter des Vorgängers von Suharto, ist leise, still und schweigsam. Sie schwingt selten Reden, sie arbeitet im Verborgenen. Für Indonesien muss das nicht das Schlechteste sein. Ausreichen wird ihre gemäßigte Tonlage indes nicht. Die ihr übertragene Befriedung einiger rebellischer Provinzen gelang ihr bestenfalls in Ansätzen.

Vielleicht unterschätzt die Welt endlich einmal die Person, die Indonesien bald führen dürfte. Hoffentlich hat Megawati mehr zu offerieren, als man ihr bisher anmerken konnte. Sukarno, Suharto, Habibie, Wahid, Sukarnos Tochter: darauf läuft es wohl hinaus. Für 210 Millionen Indonesier bleibt nur die Einsicht, dass sie sich in der DauerKrise einrichten müssen. Gewonnen ist durch die angekündigte Absetzung des Präsidenten jedenfalls nichts. Ein Land leidet. Wahid hin, Wahid her.

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