Meinung : Infantiler Zustand

28.12.2011 00:00 UhrVon Bernhard Schulz

Der Umgang Berlins mit Heinz Berggruen ist ein Lehrstück aus der deutschen Erinnerungskultur.

Der Staub, den die Biografie der Amerikanerin Vivien Stein über den Kunsthändler und -sammler Heinz Berggruen aufgewirbelt hat, hat sich gelegt. Es war denn doch eher ein Stäubchen, soweit es die angeblichen Verfehlungen betraf, die die Autorin – unter ihrem früheren Namen einige Jahre lang in der Berliner Kunsthandelsszene tätig – ihrem Protagonisten nachsagte. Notorische Steuerhinterziehung ist gewiss kein Kavaliersdelikt; doch, wo kein Kläger, da kein Richter, und wie es den Anschein hat, will keiner der angeblich geprellten Staaten die nachgesagten Tatbestände aufklären, geschweige denn irgendwelche Schulden eintreiben.

Das ist zunächst einmal die allgemeine Schicht, die es unter der Oberfläche des gewieften Händlers, unbestechlichen Kenners und philanthropisch gesinnten Weltbürgers zu erkennen gilt.

Die Oberfläche hatte Berggruen über Jahrzehnte hinweg sorgfältig konstruiert und gepflegt, warum denn auch nicht, ja im Gegenteil. Mundus vult decipi, wie der Lateiner sagt, die Welt will getäuscht werden, zumal beim schnöden Handel mit der schönen Kunst, und da sind eitle Privatsammler nicht anders als Museen und Ministerien. Wo Steuerschulden durch Hingabe von Kunst ge- oder auch nur verdeckt wurden, wie Vivien Stein für verschiedene Metropolen der westlichen Welt glaubt behaupten zu können, haben immer zwei Seiten daran ein Interesse gehabt.

Doch dann gibt es, noch tiefer, eine weitere Schicht, und die betrifft die Deutschen. Vielmehr: Sie betrifft das nicht enden wollende Schuldbedürfnis der Deutschen, dieses vererbte und unbegrenzt erbliche schlechte Gewissen, das aus der Verwechslung von persönlicher Schuld und historischer Verantwortung entstanden ist und das sich so herrlich instrumentalisieren lässt. Ebendies ist der größte Vorwurf, den die Autorin ihrer Hauptfigur macht: dass Berggruen virtuos auf der Tastatur des Jüdisch-Seins, und zwar des vergebenden Jüdisch-Seins im schuldbeladenen Deutschland gespielt habe.

„Berggruen wurde in seiner späten Berliner Zeit zu einer Stilikone des schlechten Gewissens der Deutschen“, hat Christian Herchenröder dazu geschrieben, der jahrzehntelange, unbestechliche Kunstmarktbeobachter, der alle Charaktere des Kunstmarktgeschehens gekannt hat. Es wurde schnell très chic, Berggruen zu kennen oder gar sich seiner Freundschaft zu rühmen; das war wie eine persönliche Absolution. Die fiel naturgemäß noch viel größer aus für diejenigen, die Berggruens finanziellen Strategien den Weg bereiteten und sich, welche Wendung diese auch immer nahmen, bereitwillig folgten.

Berggruen war kein Mäzen, und das ist der Irrtum, den sich seine Verteidiger ruhig eingestehen dürfen. Aber, wie gesagt, es gehören immer zwei dazu. Die andere Seite, das ist die deutsche und speziell Berliner Öffentlichkeit, die dank Berggruen und dem schlechten Gewissen, das er so charmant zugleich zu erregen wie zu besänftigen wusste, zu einem zauberhaften Spezialmuseum gekommen ist, zu einer – wenn man so will – folie d’art, wie sie sich andere, größere Metropolen selbstverständlich leisten. Ohne Berggruens Offerte hätte es das große Geld aus den Staatstöpfen nie gegeben, das mit einem Mal für den Erwerb von Kunst bereitstand, mochte der Händler sein Angebot auch sogleich durch den Abzug einiger Hochkaräter zu Auktionszwecken verschatten.

Als Affäre taugt Berggruens Geschichte nicht. Wohl aber als Lehrstück: Wie sich die deutsche Öffentlichkeit und, viel eher noch, die Politik zu Stimmungen hinreißen lassen, in denen Dinge getan werden, die klarer Verstand zurückhaltender beurteilt hätte. Der Wunsch, ausgerechnet am – glücklicherweise! – wohlhabenden Berggruen Wiedergutmachung ad personam demonstrieren zu wollen, offenbart den infantilen Zustand, in dem sich die deutsche Erinnerungskultur, so viel sie auf sich halten mag, tatsächlich befindet.

An Berggruen hat sich die deutsche Gewissenspein wieder einmal selbst getröstet, und es geschähe den Verantwortlichen nur recht, wenn an den aufs Materielle gerichteten Vorwürfen Vivien Steins tatsächlich Substanzielles dran wäre. Ihr Buch ist schon passé, doch ihr schriller Aufschrei darf ruhig noch eine Weile in den Ohren klingen.

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