Meinung : Inkompetent

Maut etc.: Die deutsche Wirtschaft blamiert sich

Henrik Mortsiefer

Ausgerechnet die Österreicher zeigen der deutschen Wirtschaft, wie es geht: Als am Neujahrsmorgen die Nachricht vom reibungslosen Start der österreichischen Lkw-Maut verbreitet wurde, war die Blamage für die Deutschen perfekt. Während ihre kleinen Nachbarn mit ihrem Bezahlsystem wie über Nacht ans Verkehrsnetz gehen, dilettiert Europas größte Industrienation seit Monaten ergebnislos herum. Okay, das Straßennetz in Österreich ist kleiner, das Verkehrsaufkommen nicht zu vergleichen. Aber darauf kommt es nicht an. Das Beispiel hat Signalwirkung: Deutsche Vorzeigekonzerne – bei der Maut die Telekom und Daimler-Chrysler – sind dabei, ihr gutes Image international aufs Spiel zu setzen.

Die Maut, ein Einzelfall? Im Blick zurück auf das Jahr 2003 ließe sich die Liste noch verlängern. Ob das Dosenpfand-Durcheinander, das Preis- und Technikchaos bei der Bahn, die Pannenanfälligkeit deutscher Autos – immer fällt auf: Im Jahr der großen Reformdebatte haben einige deutsche Konzerne besonders hohe Ansprüche an die Wirtschafts- und Sozialpolitik formuliert. In eigener Sache haben sie sich zugleich mit Negativschlagzeilen unglaubwürdig gemacht.

Die im Frühjahr 2003 verabschiedeten Grundsätze zur besseren Unternehmensführung („Corporate Governance“) stehen bei der Mehrheit der im Dax notierten Unternehmen bis heute nur auf dem Papier. So können Mitarbeiter, Kunden und Aktionäre – anders als in den USA – nur bei wenigen der größten Firmen nachlesen, was die Vorstandsmitglieder verdienen. Die Folge: Während Vorstände Arbeitnehmer in Krisenzeiten zum Maßhalten und die Regierung zu tiefen sozialpolitischen Einschnitten auffordern, bleibt die Frage, ob deutsche Manager zu viel oder zu wenig bekommen, unbeantwortet. Kaum jemand weiß, wie viel sie tatsächlich verdienen.

Schon klarer scheint der Fall des Deutsche-Bank-Chefs Josef Ackermann: Der am besten verdienende deutsche Manager wird in wenigen Wochen vor dem Landgericht Düsseldorf erklären müssen, warum er sagenhafte Millionenabfindungen in der Mannesmann-Übernahmeschlacht als Aufsichtsrat für angemessen hielt. Der Vorwurf lautet auf Untreue oder Beihilfe dazu. Dass die Anklage gegen Ackermann 2003 mehr Schlagzeilen machte als die Tatsache, dass die größte deutsche Bank deutlich profitabler geworden ist, hat der deutschen Finanzszene insgesamt geschadet. Genauso Ackermanns Vorgänger Rolf Breuer: Er äußerte sich nach Meinung der Gerichte öffentlich ein bisschen zu vollmundig, als es um die Kreditwürdigkeit des klammen Kunden Leo Kirch ging.

Ist diese Liste der Peinlichkeiten unfair? Gewiss wäre es vermessen, von ihr auf den Zustand der deutschen Wirtschaft insgesamt zu schließen. Ihre Produkte und Dienstleistungen sind nach wie vor in der Welt gefragt. Das zeigt der Export, der gerade wieder anzieht und das kleine Wachstum stützt, das wir 2004 in Deutschland erleben werden. Doch 2003 hat gezeigt, dass die Deutschen dabei sind, dieses wichtige Kapital mit einer Art neuer Großmäuligkeit zu entwerten. Dabei fallen Anspruch und Wirklichkeit allzu häufig auseinander. Deutsche Wertarbeit – ein Mythos? Die Angeberposen der New Economy sind aus der Mode gekommen und haben den deutschen Managern ohnehin nie besonders gestanden. Gut waren die heimischen Erfinder und Kaufmänner vielmehr dann, wenn sie weniger über ihre Produkte geredet haben, sondern mit Qualität und Innovation überzeugten. Alle haben viel vom Aufschwung geredet – 2004 wollen wir Taten sehen.

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