Meinung : „Innerer Friede und …

Matthias Schlegel

… soziale Gerechtigkeit stehen noch aus.“

Christian Führer ist verwundert über den Vorwurf, er setze DDR-Regierung und Bundesregierung gleich. Und über Bürgerrechtler, die ihm Verrat an der Idee der Montagsdemonstrationen vorhalten. Aber auch über aufgeregte Anheizer der Proteste, die „auf der Woge der Unruhe der Bevölkerung ihr Süppchen kochen“.

Der Pfarrer an der Leipziger Nikolaikirche bleibt gelassen. Sein Ansatz ist kein politischer, sondern ein theologisch-moralischer. Wenn er am 30. August in seiner Kirche die Friedensgebete mit anschließender Montagsdemonstration wieder aufnehmen wird, sieht er sich in einer Traditionslinie, die am 13. September 1982 begann. Damals hatte er an St. Nikolai zu Friedensgebeten gegen das Wettrüsten in Ost und West eingeladen. 1988 dann moderierte er Andachten für die Bürger, die Anfang Januar bei der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration in Berlin verhaftet worden waren. Wenig später versammelten sich Hunderte Ausreisewillige und Oppositionelle zu den Montagsgebeten. Führer versuchte eine Brücke zu schlagen zwischen denen, die das Land verlassen, und denen, die in der DDR bleiben wollten.

Der heute 61-Jährige weist die Frage zurück, warum er jetzt die Proteste gegen Hartz IV organisiere: Die Friedensgebete seien nie gegen etwas gerichtet gewesen, sondern für etwas – Fürbitten eben, in des Wortes hoffnungsvollster Bedeutung. Durch Frank Beyers Film „Nikolaikirche“ nach der literarischen Vorlage von Führers Freund Erich Loest wurde der Pfarrer deutschlandweit bekannt: als ebenso weitsichtiger wie unerschrockener Hirte derer, die der besonderen Fürsorge bedürfen.

Das macht er auch heute geltend, wenn er sich um jene kümmert, die von den Sozialreformen zutiefst verunsichert sind. Und er besteht darauf, dass der Demonstration das Gebet vorausgehen müsse, weil nur dadurch Gewaltlosigkeit garantiert sei. Christian Führer weiß als einer der geistigen Väter der friedlichen Revolution in der DDR genau, dass den Protestierern heute keine finsteren Stasi-Truppen mehr gegenüberstehen. Für sein Anliegen freilich ist das nicht erheblich. Er will gar nicht vergleichen, was unvergleichbar ist.

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