Meinung : Ins Gebet genommen

Zwischen D-Day und Irak: Amerika hat Europa befreit, nun muss es zuhören lernen

Christoph von Marschall

So hohe Erwartungen – und dann diese Milde. Johannes Paul II. hat George W. Bush bei der Audienz in Rom nicht den Kopf gewaschen. Und doch hat ihre Begegnung die Verhältnisse klar gerückt. Hier der mächtigste Oberbefehlshaber der Erde, der mit all seinen Divisionen ein Land wie den Irak nicht unter Kontrolle bekommt, geschweige denn die Welt nach seinem Willen formen kann. Dort der Papst als moralische Instanz, für viele ist er im Irakstreit zum eigentlichen Führer der Friedensbewegung geworden. Die Geschichte hat Stalins Frage „Wie viele Divisionen hat der Papst?“ beantwortet: genug, um das sowjetische Hegemonialreich zum Einsturz zu bringen – ohne Kriegsleid und mit sehr wenig Blutvergießen. Johannes Pauls II. polnische Heimat und die Nachbarländer sind heute Demokratien und Rechtsstaaten. Dieser Papst hat sich die Freiheitsmedaille des US-Kongresses verdient. Dass George W. Bush je eine vergleichbare Auszeichnung gebühren wird, darf man heute bezweifeln.

Da musste der Heilige Vater die Folterungen im Bagdader Gefängnis Abu Ghraib und die Fehler der amerikanischen Besatzungspolitik nicht unbedingt konkret benennen, auch wenn es manche enttäuscht haben dürfte, dass er nur von den „beklagenswerten Ereignissen“ sprach, die „das Gewissen der Menschen erschüttert haben“. Er lobte sogar die Bildung der irakischen Übergangsregierung als „ermutigenden Schritt“.

Den Blick für die Lage wird diese Milde niemandem verstellen. Bush bewegt sich bei seiner Europareise zumeist auf feindlich gesinntem Terrain. Sein Versuch, den Befreiungs- und Demokratisierungsidealismus des D-Day auf heute abfärben zu lassen – wie damals in Deutschland und Japan, so heute im Irak – muss angesichts der Lage scheitern. Anschläge im Irak zeigen beinahe täglich, dass nicht einmal die Sicherheit von Leib und Leben garantiert ist, von Hab und Gut, Menschenrechten und Demokratie zu schweigen. Und der Rücktritt des CIA-Chefs George Tenet erinnert daran: Der Krieg ist nicht erst seit den Folterbildern moralisch diskreditiert, er war es schon zuvor durch die vorgetäuschte Begründung Massenvernichtungswaffen.

Kann je noch richtig werden, was so falsch begonnen hat? Kommt es womöglich noch schlimmer? Der Versuch, nach Saddam Husseins mörderischer Diktatur ein halbwegs erträgliches Leben im Irak aufzubauen, erweist sich nicht nur als weit mühsamer und langwieriger als erwartet. Sondern das Projekt scheitert, und es droht ein Afghanistan-Szenario, Zerfall und mehrjähriger Bürgerkrieg.

Das kann so kommen, aber es muss nicht so kommen. Die prekäre Entwicklung bringt Amerika und Europa näher aneinander, zum Beispiel im UN-Sicherheitsrat. Das mag einerseits überraschen, denn das Ringen um die richtige Formulierung der UN-Resolution und das Ausmaß der irakischen Souveränität ist nicht frei von Rechthaberei. Wir haben euch ja gewarnt, zürnt es unter den europäischen Kriegsgegnern; wenn wir euch jetzt aus dem Schlamassel helfen sollen, dann zu unseren Bedingungen. Und Bushs Amerika trotzt zurück: Wenn ihr es übertreibt mit demütigenden Anforderungen, dann schaffen wir es notfalls auch alleine.

Dämpfend wirkt das Wissen, dass der ganze Westen die Folgen zu spüren bekäme, wenn der Irak ins Chaos abgleitet. Und versöhnend wirken die Staaten Europas, die Bushs Koalition angehören und selbst Soldaten im Irak haben – und das sind immer noch rund die Hälfte der EU-Länder und weit über die Hälfte der europäischen Nato-Mitglieder. Spaniens Rückzug hat keine Absetzbewegung in der Koalition ausgelöst.

Dies ist der theoretische Konsens: mehr UN und möglichst viel irakische Selbstbestimmung, um den Aufrührern und den Terroristen den Vorwand zu nehmen, sie bombten für nationale Behauptung gegen fremde Besatzung. Klar ist aber auch: Als Garant für die großen Sicherheitsfragen und die Einheit des Iraks wird Amerikas Militär noch lange gebraucht. Irakische Polizei und Miliz mag mehr und mehr die Straßenpatrouillen und den Kampf gegen ordinäre Kriminalität übernehmen. Die Privatarmeen militanter Scheichs kann auf absehbare Zeit nur Bushs Militärmacht in Schach halten. Gleichzeitig wächst in Amerika aber unter dem Eindruck der Probleme, des Blutzolls und der internationalen Anfeindungen, die der Irakkrieg den USA eingebracht hat, die Sehnsucht, möglichst bald abzuziehen.

Das aber kann nicht im Interesse Deutschlands liegen. Amerika muss sich der Verantwortung, die es im Irak übernommen hat, stellen, bis die Lage es erlaubt, die US-Truppen heimzuholen. Insofern sind Rufe nach einem festen Abzugstermin, wie sie auch in Deutschland erhoben werden, kurzsichtig. Mehr vom Bauch als vom Kopf diktiert ist auch die Forderung, die irakische Übergangsregierung solle über Militäreinsätze der Koalition entscheiden. Was spricht denn dafür, dass irakische Politiker, die schon unter Saddam Funktionen hatten oder im Exil eine mehr oder minder fragwürdige Rolle gespielt haben, moralisch oder fachlich besser entscheiden könnten, wo und wie man die GI’s einsetzt? Andere Eliten aber gibt es kaum. Und, Beispiel Bundeswehreinsatz in Afghanistan: Wie würden wir uns denn fühlen, wenn die Welt forderte, das letzte Wort über lebensgefährliche Einsätze unserer Soldaten solle die Regierung in Kabul haben und nicht der oberste deutsche Offizier dort?

Bei allem verständlichen Wunsch, der Regierung Bush nach all ihren Fehlern ein festeres Regelwerk für ihre Realpolitik aufzuzwingen – im deutschen Interesse liegt es, Amerika auf seine Verantwortung festzulegen. Und nicht, ihm durch falsche Forderungen das Schlupfloch für einen zu frühen Rückzug zu öffnen.

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