Meinung : Ins Gesicht geschrieben

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WO IST GOTT ?

Wie Gott verwickelt ist in unseren Alltag, kommt unerwartet zum Vorschein. Dazu zwei Begebenheiten: Der neue Kommandeur in Bosnien stellt sich den örtlichen Autoritäten vor. Begleitet ist er vom Pfarrer und einigen Soldaten. Der Bosniake möchte wissen, welcher Religionsgemeinschaft seine Besucher angehören. Der eine ist Protestant, ein anderer Katholik. Er selber stellt sich als Muslim vor. Der bislang geschwiegen hat, sagt, er sei Atheist. Der Gastgeber ist erschrocken: Dann habe er doch gar kein Gesicht!

Gott ist uns Menschen ins Gesicht geschrieben. Wir sind da und wissen nicht, woher wir kommen. Wir laufen durchs Leben und wissen nicht, wo wir ankommen werden. Keiner kann wissen, wie viele Tage er leben wird. Und doch lachen wir, machen fröhliche Gesichter. Manchmal auch traurige. Im Lachen und Weinen ist Gott zu Hause. Nur der Langeweile und Gleichgültigkeit bleibt er fern. Gott ist die Macht, die mich nicht hart sein lässt wie einen Stein, sondern fröhlich macht und traurig, mich umtreibt und ruhelos unterwegs sein lässt. Bis ich ihn finde.

Soldaten bekommen den Auftrag, ein Massengrab zu öffnen. Sie erschrecken über das, was sie sehen. Ist das, was Menschen Menschen antun, eine Einrede gegen Gott? Es wäre eine Verhöhnung der Opfer und ein billiges Alibi der Täter, auf Gott abzuwälzen, was wir selber zu verantworten haben. Sind die Brutalitäten nicht viel mehr der Ruf nach einer Kraft, die ihnen Einhalt gebieten kann? Gott hat ein menschenfreundliches Gesicht. Sicher, immer wieder hat man ihn mit einer Fratze verwechselt, im n der Religion gemordet, gebrandschatzt, ethnische Säuberungen betrieben, Fanatismus gefördert. Das führt zu einem entstellten Gesicht. Die Liebe der Mütter, die Sorge der Väter, die Sehnsucht des Herzens dagegen machen das Gesicht schön. Sie erzählen von einem freundlichen Gott. Er ist uns ins Gesicht geschrieben.

Der Autor ist Evangelischer Militärbischof.

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