Meinung : „Integration heißt auch Partizipation“

Sabine Beikler

Den Begriff Multikulturalität mag Kenan Kolat gar nicht. „Das klingt viel zu statisch, als ob jede Kultur in sich geschlossen ist“, sagt der neu gewählte Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland. Für den 46-Jährigen gibt es nicht die deutsche oder die türkische Kultur, sondern eine europäische Kultur. Sein Credo ist es, eine Gesellschaft, eine Einheit zu schaffen, in der die kulturelle Vielfältigkeit gelebt wird. Dass das für ihn keine leeren Worthülsen sind, glaubt man dem Diplom-Ingenieur für Seeverkehrstechnologie sofort. Manche sagen über ihn, dass er ein Verkaufstalent ist – mit einem feinen Gespür dafür, wann man sich forsch nach vorn wagt, oder lieber den Mund hält.

Kolat kennt die Spielregeln der Diplomatie. Und er lässt sich nicht leicht abspeisen. Jahrelang kämpfte der 1987 in die Partei eingetretene Sozialdemokrat dafür, dass die von ihm mitgegründete Arbeitsgemeinschaft Migration im Berliner SPD-Landesverband mit Mitspracherechten in der Satzung verankert wird: Zunächst hätten ihn Parteifreunde mit der Bildung eines Arbeitskreises vertrösten wollen. Mit seiner Hartnäckigkeit haben sie nicht gerechnet. „Wenn ich etwas entschieden habe, dann tue ich es auch.“

1980, genau am Tag des Militärputsches in der Türkei, kam Kenan Kolat als Student nach Berlin. Damals habe man in Istanbul, wo er aufgewachsen ist, nicht mehr studieren können, erzählt er. Mehrere Jahre pendelte er zwischen Berlin und Istanbul und engagierte sich ab Mitte der 80er Jahre als Berater in türkischen Projekten.

Als die Auseinandersetzungen zwischen linksliberalen türkischen Studenten mit der konservativ ausgerichteten Türkischen Gemeinde zu Berlin immer schärfer wurden, gründeten Mitstreiter und er 1991 den Türkischen Bund. Seit 1992 ist er Geschäftsführer der eher linken Interessenvereinigung mit 22 Mitgliedsvereinen. Eine „sozialdemokratische Vereinsansammlung“, sagt ein Politiker – was Kolat nicht gern hört und abstreitet.

Er will die Diskussion über Zwangsehen oder Islamismus in die türkische Gemeinde hineintragen. „Der Islamismus ist eine Gefahr, aber der Islam nicht“, sagt Kolat, der nicht streng als Muslim lebt. Das müssten auch die Deutschen verstehen. „Zur Integration gehört Partizipation, also Teilhabe“, sagt Kolat, der den deutschen und den türkischen Pass besitzt. Nur in einem Punkt schlägt Kolats Herz sehr einseitig: Beim Fußball steht er auf türkischer Seite.

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