Meinung : „Integration muss man einfordern“

Claudia Keller

Dass Freiheit mehr ist als die Wahlmöglichkeit am kalten Buffet, weiß am besten, wer totale Kontrolle erlebt hat. Zum Beispiel Necla Kelek. Sie kam als Neunjährige mit ihren Eltern aus der Türkei nach Deutschland. Die Eltern, die in Istanbul dem „American Way of Life“ nacheiferten, flüchteten sich im fremden Deutschland in die Religion und betrachteten ihre Tochter fortan gewissermaßen als ihr Eigentum. Ihr Vater hätte sie fast erschlagen, weil sie ihm zu widersprechen gewagt hatte.

Was für viele Deutsche selbstverständlich ist, musste sich Necla Kelek hart erkämpfen: ein eigenes Leben nach westlichen, freiheitlichen Maßstäben. Gerade weil sie weiß, dass das für viele Türkinnen in Deutschland immer noch ein unerfüllbarer Traum ist, wurde die 47-jährige Soziologin zur leidenschaftlichen Verfechterin der westlichen Freiheit und Demokratie. Mit ihrem Buch „Die fremde Braut“ hat sie Politikern bis hin zum amtierenden Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) die Augen dafür geöffnet, unter welch katastrophalen Bedingungen viele zwangsverheiratete Türkinnen hier leben. Weil ihre Familien nicht dulden, dass sie Deutsch lernen oder sich weiter als bis zum Gemüsestand von der Wohnung entfernen, haben sie keine Chance, sich hier zurechtzufinden. Für das Buch wurde Kelek jetzt in München mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet.

Freiheit bedeutet immer auch Verantwortung – für sich selbst und für andere. In der türkischen Gesellschaft aber, sagt Necla Kelek, werde Kindern nur Respekt und Gehorsam beigebracht, nicht aber Verantwortung. Da die Kinder keine Verantwortung übernehmen dürften, entwickelten sie auch kein Schuldgefühl und kein Gewissen, wenn sie mit den Regeln der deutschen Gesellschaft in Berührung kommen.

Deshalb, so Kelek, dürften die hier lebenden türkischen Familien nicht sich selbst überlassen werden. „Integration darf man nicht dem Zufall überlassen. Der Staat muss sie einfordern.“ Und wer die Regeln der deutschen Gesellschaft nicht akzeptiere, müsse sich die Frage gefallen lassen, „warum er dann hier ist“. Nicht alle in der türkischen Gemeinschaft hören solche klaren Worte gerne, Kelek hat viele Feinde. Sich deshalb nicht mehr einzumischen, käme für sie aber nicht in Frage. Im Februar erscheint ihr nächstes Buch: „Die verlorenen Söhne“ handelt von der Rolle der jungen Männer in türkischen Familien.

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