Integrationsdebatte : Sarrazin gehört in die Politik

31.08.2010 07:44 UhrVon Antje Sirleschtov
Der Wirbel um Thilo Sarrazin und sein Buch "Deutschland schafft sich ab" hält weiter an. Foto: AFP
Der Wirbel um Thilo Sarrazin und sein Buch "Deutschland schafft sich ab" hält weiter an. - Foto: AFP

Sarrazins Schlüsse aus Statistiken und Erbgutstudien mögen vielen Sozialdemokraten wirr vorkommen und für manchen die Züge von Volksverhetzung tragen. Die Thesen des Bundesbankers sind krude – ausschließen sollte die SPD ihn aber nicht. Ein Kommentar.

Im Berliner Stadtbezirk Wedding mussten in diesem Sommer Schulanfänger zum ersten Mal eine Deutschprüfung ablegen, um in eine erste Klasse aufgenommen zu werden. Bürgerliche deutsche Eltern hatten zuvor gedroht, die überwiegend von Kindern muslimischer Herkunft besuchte Schule zu boykottieren. Ist eine solche Prüfung nun notwendig, damit Einwanderer engagierter Deutsch lernen? Oder werden hier muslimische Kinder diskriminiert?

Es lohnt sich, über eine solche Frage heftig zu streiten. Genauso wie über all die anderen Versäumnisse und Aufgaben der Gesellschaft bei der Integration von Einwanderern und der Bildung ihrer Kinder.

Niemand sollte jedoch erwarten, dass diese Diskussion leicht ist. Vorurteile, Halbwissen und gnadenlose Provokation von allen Seiten werden genauso dazugehören, wie Erbstatistiken, aus denen mancher neuerdings ablesen können will, ob türkische oder russische Juden die Schlaueren sind. Willkommen im Einwanderungsland Deutschland – mit all den Verwerfungen und Ängsten, die überall auf der Welt die Gesellschaften beschweren, die sich öffnen.

Auch Thilo Sarrazin muss man unterstellen, dass er zunächst ernsthaft interessiert war, an dieser Debatte teilzunehmen. Er beschreibt in seinem Buch eine Realität, die viele Menschen herum genauso erleben. Sie alle zum offenen Streit darüber zu ermuntern, wie die kritikwürdigen Zustände verändert werden können, das ist ihm allerdings nicht gelungen. Ganz im Gegenteil. Sarrazin lädt mit seinen Thesen von der Nichtintegrationsfähigkeit und -willigkeit der Muslime niemanden zu einer Debatte ein. Er grenzt aus und schürt diffuse Vorurteile, wo Offenheit und Klarheit vonnöten wären. So ist aus dem selbst ernannten Provokateur an der Integrationsfront am Ende einer geworden, der sich selbst als ein in dieser gesellschaftlichen Debatte Integrationsunwilliger erweist.

Video: Sarrazin Protest - Video: Maris Hubschmid

Ihn deshalb aus der Sozialdemokratie auszusperren, ist trotzdem ein Fehler. Wo, wenn nicht in Parteien sind die Orte zu suchen, an denen Politik zuallererst stattfinden soll. Und was anderes ist Politik als die Beschreibung der Realität, um sie hernach zum Besseren zu verändern. Nichts Neues, dass der Weg dahin in allen demokratischen Parteien heftig erstritten werden muss. Sarrazins Schlüsse aus Statistiken und Erbgutstudien mögen vielen Sozialdemokraten wirr vorkommen und für manchen die Züge volksverhetzender Thesen tragen. Ihm und allen, die ihm offen oder heimlich beipflichten, das in aller Deutlichkeit bewusst zu machen: Auch das ist Aufgabe von Parteien. Denn ist einer wie er erst im dämmrigen Abseits angekommen, gedeiht um ihn herum der giftige Pilz der Verhetzung besonders gut.

Ganz anders sieht es mit Sarrazins Zukunft an der Spitze der Bundesbank aus. Ihre Aufgabe ist unter anderem – nicht erst seit der Einführung des Euro – eine der europäischen Verständigung. Krude Erbtheorien stehen dazu im krassen Widerspruch und schüren Ressentiments in der Welt gegenüber dem Land. Ein Spitzenbeamter und Politiker wie Sarrazin muss das wissen und mit den Konsequenzen rechnen.

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