Integrationsstudie : Schule statt Schuld

Nach der Integrationsstudie helfen keine Schuldzuweisungen sondern nur Bildungszwang, die Integration der Einwanderer zu verbessern. Bildungsferne Kinder, so meint Caroline Fetscher müssen raus.

Caroline Fetscher

Atatürk sei Dank. Als der visionäre Reformer der Türkei Anfang der 20er Jahre die Trennung von Religion und Staat einführte, war eines seiner Hauptanliegen die allgemeine Schulpflicht für Jungen und Mädchen. Wo sich sture Patriarchen dagegen sperrten, klopfte die Polizei an die Tür. Das offizielle Ziel des türkischen Bildungssystems ist es, "alle im türkischen Staat zu Individuen zu erziehen".

Dass es Eltern gibt, die in Berlin, Duisburg oder München leben, und bei denen diese Botschaft bis heute nicht angekommen ist, ist kein Geheimnis. In einer vom "Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung" veröffentlichten Studie liegt uns die Statistik dazu offen vor Augen. Nur ein Bruchteil der türkischstämmigen Migranten in Deutschland, der größten Zuwanderergruppe überhaupt, erreicht die Hochschulreife, ein Löwenanteil überhaupt keinen Schulabschluss. Es wäre mehr als Versagen, es wäre bewusste Versagung, hier nicht drastisch durchgreifend zu handeln.

Gegrübelt, gestritten wird jetzt über die Gründe. Gesellschaft, Eltern, Massenmedien, Traditionalismus, Armut? Wen trifft die meiste Schuld? So sinnvoll es ist, Ursachen zu erkennen - für die Kinder, deren Köpfe und Seelen Notstandsgebiete sind, sind sie erst einmal egal. Es ist ganz und gar egal, warum einer in der Wüste kein Wasser hat, solange er akut zu verdursten droht. Mit jedem Tag, der vergeht, an dem die Kinder nicht raus aus der Krisenzone ihrer Kieze und Familien und rein in solide, kreative Ganztagsbetreuung gezogen werden, verrinnt Zeit, in der ihre Kapazitäten brachliegen und verkümmern. Nicht zufällig trägt die genannte Studie den Titel "Ungenutzte Potenziale".

Wir brauchen Ganztagsinternate für Externe

Raus müssen alle, absolut alle in der Bildungsferne siedelnden Kinder - seien es türkische, deutsche, ex-jugoslawische und andere -, raus aus den von Fernsehen, Spracharmut, Zuckerzeug, Videospielen und Brutalität beherrschten Territorien. Von morgens um acht bis abends um 18 Uhr muss eine bindende Schulpflicht die Gruppe der Bildungsfernen in das Land holen, das das ihre ist, ohne dass sie es realisieren - eine Schulpflicht, die mit allen legitimen Mitteln des Rechtsstaates durchzusetzen ist. Neben Lesen und Rechnen sollten Musik, Theater, Debatten und Kunstprojekte ihre Tage ausfüllen. Mit verpflichtender Hausaufgabenhilfe an den Nachmittagen müssen Ganztagsinternate für Externe entstehen. Sie wären die einzig adäquate Schulform in dieser Lage.

Die Köpfe der Kinder können nicht darauf warten, dass sich ihre Eltern zu Gruppentherapien entschließen, wie das nun ein paar Dutzend von ihnen tun. Es geht um hunderttausende Kinder, darunter Hochbegabungen und besonders Bedürftige, in die sofort Millionen investiert werden müssen. Im Übrigen sind es die Millionen, die der Staat später spart, an Transferleistungen, Haftzellen, Bürokratie. In der Zukunft wird sich das auszahlen, finanziell, emotional, sozial, für die gesamte Demokratie.

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