Meinung : Internet-Ökonomie: Leitartikel: Es gibt nichts geschenkt

Rainer Hank

Es liest sich wie die tägliche Wirtschaftsnachricht. Aber es ist eine Revolution der Internet-Revolution: Bertelsmann, das zweitgrößte Medienunternehmen der Welt, schließt mit Napster, einer kleinen Musiktauschbörse im Netz, eine strategische Allianz. Eine Zeitlang sah es so aus, als verschenke Napster im Netz Musik für alle. Doch der subversive Charme ist dahin: Es gibt auf Dauer keine Anarchie im Internet.

Diese Botschaft ist tröstlich. Die Allianz zwischen Bertelsmann und Napster ist nur ein erster Schritt. Denn weder kann die New Economy die Gesetze der Old Economy verändern noch löst das Netz den Markt ab. Im Gegenteil: Jetzt wird das Internet in die Marktwirtschaft heimgeholt. Der Markt mag im Frühstadium einer technologischen Revolution anarchische Züge haben. Aber Markt-Wirtschaft ist nicht Anarchie. Die Allianz, die Bertelsmann mit Napster schließt, ist ein Bündnis zwischen einer Großflotte und einem Piratenschiff. Doch zuweilen können Piraten das ganze System in Frage stellen. Dann ist es besser, sich mit ihnen zu verbünden als sie zu bekämpfen. Der Gang zum Richter, den die Branche über Monaten verfolgt hat, ist zwar lärmig, aber auch wenig erfolgssicher und sehr zeitfressend. Die Bertelsmann-Allianz dagegen ist clever: Anstatt Napster zu kriminalisieren, wird es von seinem ärgsten Widersacher legalisiert.

Die Musiktauschbörse Napster hat die alte Wirtschaftswelt frontal angegriffen. Wer wird sich noch eine CD im Musikgeschäft kaufen, wenn er das gleiche kostenlos im Netz bekommt? Kein Wunder, dass Napster zur weltweit am schnellsten wachsenden Website wurde: Von 38 Millionen Nutzern ist die Rede. Schätzungsweise 25 Millionen Titel wechseln täglich den Besitzer, ohne dass die Musikindustrie oder die Künstler davon einen Dollar sehen. Das macht geistiges Eigentum wertlos. Deshalb wollen Bertelsmann und Napster ihr Angebot künftig gegen eine monatliche Nutzungsgebühr verkaufen.

Der Fall Napster berührt nicht nur die Musikindustrie. Es geht um die Frage, wie Eigentumsrechte im Netz geschützt werden können. Denn das ist die Voraussetzung dafür, dass ein Markt funktioniert. Wo niemandem nichts gehört, gibt es auch keine Preise, weil alle sich bei allen bedienen können. Das Netz hat eine Weile lang die Illusion erweckt, als gebe es im Leben etwas geschenkt. Aber zum Glück hat alles seinen Preis; es gibt kein Free-Lunch. Denn warum sollte auf Dauer sonst noch jemand Literatur, Filme oder Musik erfinden und produzieren?

Dass sich der Grundsatzstreit der Netz-Ökomomie an der Unterhaltungsindustrie entzündet, ist kein Zufall. Denn Film, Literatur oder Musik sind Inhalte, welche sich digitalisiert restlos dem Netz anschmiegen. Die Möbelindustrie wird durch den elektronischen Handel weniger in Frage gestellt als die Schallplattenindustrie: Denn der Tischler zimmert weiterhin aus Holz einen Schrank, der via Bahn oder Schiene den Weg zum Kunden findet. Töne und Bilder können aber vollständig digitialisiert erstellt und verbreitet werden. Das könnte einer ganzen Branche den Boden entziehen.

Trotzdem wird die alte Welt nicht wieder gänzlich heil. In der Internetökonomie werden viele Zwischenhändler überflüssig. Sie sind die Verlierer. Gewinner sind Endverbraucher und Produzenten. Der Weg auf den Markt ist in der Internetökonomie viel einfacher: Die Kapitalkosten für eine neue Automobilfabrik sind extrem hoch; für den Aufbau einer Internetseite braucht es nicht mehr als eine gute Idee. Das bürgt dafür, dass die New Economy Vielfalt nicht unterdrückt, sondern fördert. Eine gute Nachricht - nicht nur für Musikliebhaber.

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