Internet und die Zivilgesellschaft : Wozu sind wir online?

Soziale Netzwerke wie Facebook brauchen die Technologie - aber was sie im Kern ausmacht, geht weit über die Technik hinaus. Das Internet fördert die Zivilgesellschaft – wenn wir es richtig nutzen.

Saskia Sassen
Foto: promo
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Die Möglichkeiten, die soziale Netzwerke im Internet eröffnen, entfalten sich nur in zweiter Linie durch die Technik. Ihre Wirkung erzielen sie vor allem durch die Umwelt, in der sie verortet sind. Sie werden geprägt durch die Art und Weise, wie Menschen sie nutzen – und das kann sehr unterschiedlich sein. Die Nutzung des Internets ist oft völlig passiv: Man liest eine Zeitung, man klickt sich beim Onlineshopping durch die Angebote. Aber sie kann auch kreativ oder sogar aggressiv sein, wie Beispiele aus der Finanzbranche zeigen. Für die Branche entwickelte Software kann binnen Sekunden Märkte erobern, ohne dass andere Händler es merken.

Ebenso wie andere Unternehmen oder Gruppen hat die Finanzbranche eigentlich mit der Technologie, die sie nutzt, nichts zu tun, auch wenn sie inzwischen völlig abhängig von ihr ist. Die Informatiker und Ingenieure, die die Technologie entwickeln, tun das zwar oft entsprechend den Bedürfnissen und im Auftrag der Finanzbranche. Dabei liegt ihr Fokus aber darauf, dass Software und Hardware gut funktionieren, nicht darauf, was ihre Produkte auf Märkten bewirken könnten. Soziale Netzwerke wie Facebook brauchen die Technologie, die Technik ist ihr Gerüst – aber was sie im Kern ausmacht, geht weit über die Technik hinaus. Entscheidend ist, wer sie nutzt, ob diese Gruppen soziale, politische oder wirtschaftliche Ziele im Netz verfolgen. Und die haben oft nichts mehr damit zu tun, Informationen anzubieten oder zu konsumieren, was eher der Erfahrung der meisten Internetnutzer entspricht. Kurz: Die Technologie wird durch die Umwelt, in der sie genutzt wird, überhaupt erst lebendig.

In besonderer Weise unterscheiden sich inzwischen auch zivilgesellschaftliche Interessengruppen mit politischen Anliegen von einzelnen privaten Nutzern in ihrer Art und Weise, wie sie sich in sozialen Netzwerken bewegen und wie sie sie nutzen. Es geht ihnen nicht nur darum, sich zu vernetzen und auszutauschen. Sie wollen Veränderungen in der realen Welt bewirken. Gruppen globalisieren sich, die ohne die neue Technik auf ihre Region beschränkt geblieben wären. Sie verbreiten sich allerdings nicht wie Ölteppiche, zäh, langsam und in der Fläche. Vielmehr springen sie von einem Ort auf der Weltkarte zum nächsten und überwinden dabei große Distanzen: Frauen in Kabul, Mumbai und Johannesburg verbünden sich im Netz, weil sie dasselbe Anliegen verfolgen: den Bau von Häusern für die Armen.

Die neue Technik fördert also bis zu einem gewissen Grad die Entwicklung zivilgesellschaftlichen Engagements. Doch so sehr einzelne Gruppen die Technik ihren Bedürfnissen anpassen, sie bleiben doch von ihr abhängig und das bereitet vielen Interessengruppen Kopfzerbrechen. Zum einen bedeutet die Abhängigkeit von der Technik auch die Abhängigkeit von den Unternehmen, die die Netzwerke betreiben. Und die denken vor allem an die zahlende Kundschaft, wiederum Großunternehmen. Zweitens müssen die Bündnisse fürchten, im virtuellen Raum den Kontakt zur realen Welt zu verlieren, die sie eigentlich verändern wollen. Je stärker das Netz für zivilgesellschaftliche Gruppen an Bedeutung gewinnt, desto wichtiger ist es demnach, die Bedingungen zu verbessern, unter denen sie online zusammenarbeiten. Das heißt einerseits, die Netzwerke von innen möglichst effektiv zu gestalten. Das heißt aber auch, Technologien verfügbar zu machen, die auch unabhängig von kommerziellen Interessen funktionieren, Technologien, die in der Hand der Zivilgesellschaft sind. Das von Geert Lovink gegründete Institute of Network Cultures, das sich genau diesem Ziel verschrieben hat, hat deshalb erst kürzlich Mitglieder mehrerer virtueller Netzwerke in der realen Welt zusammengebracht. Die zentrale Frage lautete: Sind wir nur online, um noch mehr Facebook-Freunde zu sammeln? Oder haben die Netzwerke wirklich die Art und Weise verändert, wie wir zusammenarbeiten?

Die Autorin ist Soziologin an der Columbia University in New York. Zuletzt ist von ihr „Das Paradox des Nationalen“ (Suhrkamp) erschienen. Der Text ist ein Auszug aus dem Vortrag, den sie am Freitag in Berlin auf einem netzpolitischen Kongress der Grünen hält. Aus dem Englischen übersetzt von Anna Sauerbrey.

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