iPad : Schöner Schein

Eine Wundermaschine? Das iPad sieht sehr gut aus, kann aber erstaunlich wenig. Im Prinzip ist es eine Apparatur für Sofa-Könige.

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Die spinnen, die Amerikaner. Rennen in die Apple-Stores, als ob es morgen kein iPad mehr gäbe. Just diese Gefahr zu bannen, wird Deutschland von den Yankees zum Dritte-Welt-Land herabgestuft. Das iPad kommt erst Ende Mai über den Teich. Danke schön, Steve Jobs! Denn jetzt hat jeder Apple-Afficionado Zeit zum Nachdenken, ob er sich dieses elektronische „Wundermittel“ wirklich anschaffen muss.

Kein zweites Gerät vereint in dieser Form und Figuration solche Eigenschaften? Das iPhone ist auf der Streckbank auf iPad-Maße gezogen worden. Es ist 24 cm lang, 19 cm breit und 1,4 cm hoch. Zwei Effekte sind herausgekommen, die sich gegenseitig widersprechen: Der weitaus größere Bildschirm korrespondiert mit dem ungleich größeren Gewicht von knapp 700 Gramm. Die Schwere plus die Sehschwäche bei Sonne plus die Empfindlichkeit bei Regen zwingen den Nutzer ins Haus. Es ist eine Apparatur für die immobilen Sofa-Könige, so wertvoll, so wertlos wie eine TV-Fernbedienung.

Die Generation der Wischer und Tupfer hat ein neues Spielzeug, ein neues Unterhaltungsmedium in die Hände bekommen – doch keine Universalmaschine. Wer jemals Texte oder längere Mails mit dem iPad schreiben wollte, der will das nie wieder, dieser Fingervirtuose will nur noch wischen und tupfen. Eine Lustbarkeit für die elektronischen Hedonisten, ein Accessoire für den auf elektronisch getunten Lebensstil. Fotos anschauen, Musik hören, Homepages lesen, der passive „Touchy“ kann konsumieren. Wo kein USB-Anschluss, keine Datenübertragung via Stick, keine Kamera, da muss der aktive Nutzer sich frustriert fühlen. Er wird zur Faulheit gezwungen, zur Bequemlichkeit erzogen. Das iPad ist ein Gerät neben anderen Geräten, es soll die Lücke zwischen Notebook und Smartphone schließen – wenn da jemals eine Lücke gewesen ist.

Nicht wenige Verlage jubeln. Die Größe des Bildschirms, das exzellente Display, allein der Charakter des Mediums scheint den Charakteristika von Buch und Print entgegenzukommen. Wer wollte sich darüber nicht freuen, wenn Trägermedium, literarische wie journalistische Inhalte sich vereinen und Aufmerksamkeit finden? Aber es ist eben ein anderes Medium, diese harte Platte. Das müssen die Buchverlage erkennen, Zeitungen und Zeitschriften dito. Es braucht vielfältige Investition, bis eine Printseite, eine Nachrichten-Site mit der iPad-Logik kompatibel ist.

Zumal der, der vom iPad profitieren will, Apple etwas geben muss. Unterwerfung ist verlangt. Fotos, Musik, Bücher, Filme, all das und noch viel mehr muss an der iTunes-Software vorbei. Apple entscheidet, was richtig und falsch, was gut und böse für den Nutzer ist. Wer sich das gefallen lässt, der gibt um einer avancierten Attitüde willen ein Stück seiner Medien- und Gedankenfreiheit auf.

Ist Steve Jobs ein Sektenführer und das iPad sein neustes Gadget für die Apple-Jünger? Das Ganze ist eine Nummer kleiner zu haben. Das iPad ist eine Maschine, die erstaunlich gut aussieht und erstaunlich wenig kann.

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