Irak : Gegen den Krieg - und gegen die Gegner

Eine klare Mehrheit der Amerikaner hält den Irakkrieg am fünften Jahrestag der Invasion für einen Fehler: 58 Prozent. Doch im Präsidentschaftsrennen nutzt das Demokraten und Irakkritikern nicht. Im Gegenteil, der Republikaner und Kriegsbefürworter John McCain steigt in den Umfragen.

Christoph von Marschall

Einigen Erhebungen zufolge würde McCain derzeit Barack Obama schlagen, den einzigen Kandidaten, der von Anfang an gegen den Krieg war. Die Einstellung der Amerikaner zu Irak ist heute voll von solchen Widersprüchen. Die Bürger waren in erdrückender Mehrzahl gegen die Truppenverstärkung, die Präsident Bush 2007 anordnete. Aber sie haben McCain, den nachdrücklichsten Befürworter dieser Strategie, in den Vorwahlen zum republikanischen Kandidaten gemacht.

Das dritte Paradox: 60 Prozent wünschen einen Zeitplan für den Abzug. Aber eine fast ebenso große Zahl meint, McCain könne am besten mit Irak umgehen, obwohl der, wie er sagte, wenn nötig, noch hundert Jahre US-Truppen im Irak halten will.

Fünf Jahre nach Bushs Marschbefehl ist den Bürgern Pragmatismus wichtiger als das prinzipielle Urteil über den Krieg. Es steht nicht mehr die Frage im Vordergrund, wer dafür und wer dagegen war, sondern, wer heute die beste Lösung verspricht. Auch viele Kriegsgegner meinen, die USA könnten nicht einfach abziehen und den Irak sich selbst überlassen.

Den Demokraten schlägt das Misstrauen entgegen, sie würden die Truppen überstürzt heimbringen. Ihnen gehe Rückzug über Erfolg. Amerika will den Abzug schon auch, aber nicht in Form einer Niederlage. Dann geht die Nation schon lieber das mit McCain verbundene Risiko ein: Er stellt Erfolg über den Rückzug, auch wenn das im Extremfall eine jahrzehntelange Präsenz im Irak bedeutet.

Das ist die entscheidende Veränderung gegenüber dem dritten Jahrestag 2006 und dem vierten 2007. Damals mischte sich das bereits mehrheitlich negative Urteil über den Krieg mit der Ahnung einer wohl unabwendbaren Niederlage. Diese Stimmung war der Hauptgrund, warum die Demokraten die Kongresswahl im Herbst 2006 gewannen. Und warum eine erdrückende Mehrheit 2007 gegen Bushs Truppenverstärkung war: Das bringt doch eh nichts, wozu noch mehr Opfer?

Doch die Verstärkung hat Erfolg, die Zahl der Anschläge und der Toten ist in den jüngsten Monaten drastisch gesunken. Neben den 40 Prozent, die den Krieg noch immer befürworten und nun erst recht sagen, die USA werden ihn am Ende gewinnen, treten weitere 20 Prozent dafür ein, die Truppen im Irak zu lassen, bis sich die Lage stabilisiert hat. Nur 30 Prozent sind für einen raschen Abzug.

Bis zur Präsidentenwahl sind es noch sechseinhalb Monate. Wer auch immer am Ende für die Demokraten antritt, Barack Obama oder Hillary Clinton – er oder sie muss hoffen, dass Irak im Herbst kein großes Thema mehr ist. Eine weitere Stabilisierung gibt McCain recht. Und selbst wenn es schlechter läuft, traut eine Mehrheit eher ihm als den Demokraten zu, die Probleme zu lösen.

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