Meinung : …Irland

Martin Alioth

Das hat es schon seit 36 Jahren nicht mehr gegeben: Auf Veranlassung des irischen Premierministers Bertie Ahern paradieren am heutigen Ostersonntag 2500 Soldaten an der Dubliner Hauptpost vorbei. Dort hatten sich vor 90 Jahren die Aufständischen verschanzt, die mitten im Ersten Weltkrieg die Republik ausriefen. Obwohl die Rebellion von den Briten mühelos niedergeschlagen wurde, gilt sie als der Keim der heutigen Republik. Trotzdem wurde der blutige Gründungsakt aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt, seit die Irisch-Republikanische Armee (IRA) in Nordirland 1970 ihre Gewaltkampagne auslöste. Denn die IRA berief sich immer wieder auf das Vorbild der Osterrebellen und auf ihre verspätete Legitimierung an der Urne.

Erst jetzt, wo die IRA abgerüstet hat, getraut sich die Republik wieder, den Besitzanspruch auf die eigene Geschichte anzumelden. „Es gibt nur eine Armee in diesem Staat“, sagt Ahern pointiert, „und das ist die irische Armee, Óglaigh na hÉireann.“ Es geht also um das Gewaltmonopol des irischen Staates, denn pikanterweise heißen die IRA und die offizielle irische Armee auf Irisch exakt gleich – Óglaigh na hÉireann.

Der Rückgriff auf die verstaubte Symbolik von Militärparaden hat die Kritiker auf den Plan gerufen. Mit unnachahmlicher Chuzpe verspottet selbst Gerry Adams, der Präsident der Sinn-Féin-Partei und ehemaliger IRA-Kommandant, diese Fantasielosigkeit. Er vermutet nicht ganz zu Unrecht, dass der Premierminister im Vorfeld der Parlamentswahl im kommenden Jahr vorsorgt: Denn Sinn Féin bedroht in erster Linie Aherns Partei, Fianna Fáil; deshalb sollen die patriotischen Lorbeeren neu arrangiert werden. Andere Kritiker warnen vor der Verherrlichung der Osterrebellen. „Die Glorifizierung von Revolverhelden ist keine gute Idee“, sagt der Publizist Eoghan Harris, die ohnehin fließenden Grenzen zwischen 1916 und dem Nordirlandkonflikt verwischen sich dadurch noch mehr.

Die irische Präsidentin, Mary McAleese, beteiligt sich heftig an der Kontroverse. Sie zieht gar eine direkte Linie zwischen den Idealen der Osterproklamation und dem wohlhabenden, multikulturellen heutigen Irland. Dass sie mit dieser These rund achtzig Jahre Trübsinn und Intoleranz unterschlägt, ist nicht nur den nordirischen Protestanten aufgefallen. Sie erinnern sich an Zehntausende von Iren, die im Sommer 1916 als britische Freiwillige in den Schützengräben der Somme dienten und meinten, sie kämpften für das Selbstbestimmungsrecht kleiner Völker.

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