Islam : Sie wollen uns nicht

Die Konservativen schüren wieder einmal Panik gegen das Fremde.

Ein Kommentar von Feridun Zaimoglu

Es vergeht kein Tag, an dem nicht ein Provokateur gegen den Bau einer Moschee oder das bedeckte Haar einer Muslimin wetterte. Die Aufklärer unserer Tage sind sich nicht zu schade, Experten heranzuziehen, die erklären, dass ein islamisches Gotteshaus keine Minarette brauche.

Die Vorstellung, es könnte eines Tages ein Gebetsausrufer vom Minarett aus zum einfachen Gottesdienst einladen, versetzt die „Volksdemokraten“ in große Unruhe. Also plärren sie drauflos, sie geben Interviews, sie verschicken Pressemitteilungen, sie schreiben Hasspamphlete, sie stilisieren sich zu Lichtbringern der Aufklärung, zu Fußsoldaten der Demokratie. Beifall ist ihnen sicher, er kommt nicht von ungefähr von rechtskonservativer Seite. Denn die Konservativen, hier in Deutschland wie anderswo, ordnen die Menschen ihrer jeweiligen Kultur zu, sie sperren sich dagegen, dass ein Zuwandererkind mehr sein soll als ein deutsch sprechender Fremder. Ihre Heimat ist also unbedingt zu verteidigen, und sie phantasieren von der Abwehrschlacht der Inländer gegen die Zugezogenen. Nicht umsonst bedienen sie sich einer Sprache, in der es zulässig ist, von der biologischen Invasion und Infiltration zu sprechen.

Die Konservativen nennen ihre Fremdenskepsis Volksnähe, ich nenne sie rechten Schmarrn. Es kann kein Zufall sein, dass den selbsternannten Aufklärern und Volksdemokraten ausgerechnet von rechter Seite große Sympathie entgegengebracht wird: Sie werden eingeladen und dürfen auf vielen Podien sitzen, und immer dann, wenn sie heftig und deftig vom Leder ziehen, immer dann, wenn sie ihre Order an die abwesenden Fremden bellen, gibt es Szenenapplaus. Das mögen die Herren und Damen Aufklärer natürlich nicht gerne hören, die Nähe zum rechten Volk ist ihnen, vielleicht nicht ihnen allen, peinlich.

Wir leben in einer Zeit, in der rechte Feministinnen, gewendete Altlinke, orthodoxe Klassenkämpfer, Kulturpapisten und Rechtskonservative die Meinungshegemonie beanspruchen. Sie alle berufen sich auf das Recht der freien Rede, das ihnen niemand streitig macht, und doch schlagen sie viel Lärm, um, wie sie ihr Publikum glauben machen wollen, gegen das Kartell der Politisch-Korrekten anzukommen. Damit sind etwa Politiker der Linken und ich gemeint. Sie und ich werden von den rechtskonservativen Krakeelern angegriffen, wir werden als Gutmenschen, Multikulti-Illusionisten, Volksfeinde und sogar als Agenten einer fremden Macht beschimpft. Das Elend der Konservativen besteht darin, dass sie sich als Schutzmacht des dumpfen Volkswillens verstehen, sie müssen, um ihre Schockstarre in der Moderne zu legitimieren, einen Gegner, nein, einen Feind aufbauen, dem sie alle Übel- und Schandtaten zutrauen. Vor einigen Jahren fingen sie an. Plötzlich war in allen Blättern zu lesen, dass die 68er eigentlich Kommunenkommunisten gewesen seien, sie hätten mit List und Tücke die Schlüsselpositionen besetzt, sie hätten Volk und Vaterland verraten, sie hätten fremden Ideen und Anschauungen angehangen. Zur Weltkennzeichnung braucht der Konservative Gefahr und Alarm, und wir verstehen, dass in seinem Skript dieselbe Geschichte mit immer neuen Feinden erzählt wird. Gestern war Verrat durch die aufsässige deutsche Jugend, dann taten die Zuwanderer ihnen, den Konservativen, den Gefallen, für Arbeit und Brot herzukommen.

Der sogenannte Ausländer ist seither eine nie versiegende Inspirationsquelle. Sobald den Rechten die Themen ausgehen, zetteln sie Kampagnen an: Gegen die Asylanten, gegen die Türken und aktuell gegen die Moslems. Immer boten sich einige gewendete Linke an, laut über Probleme und Defizite nachzudenken, sie sprachen vielleicht nicht gleich von Überfremdung, dafür aber von instabilen Verhältnissen, für die vor allem die südländischen Männer verantwortlich zeichneten. Die neuen Intellektuellen waren Westentaschen-Voltaires, sie sahen großen Sinn darin, endlich, nach Jahren der Zermürbung, sich auf die Seite des Volkes zu schlagen. Heute haben wir es mit der Koalition von alten Eiferern und neokonservativen Politjunkern zu tun, sie berufen sich auf die Vernunft und die abendländische Kultur, um die Fremden vor eine andere Kulturkulisse zu stellen.

Ein Fremder ist deshalb fremd, weil man ihn dem Eigenen entfremdet – das scheint mir die Methode zu sein, deren sich die Fremdenskeptiker bedienen. Die Aufregung, die in konservativen Kreisen herrscht, hat aber damit zu tun, dass sie nicht mehr ungestraft von Ausländern sprechen können. Lassen wir uns nicht von den Alarmisten und Ideologen beirren: Die Integration ist nicht gescheitert, sie ist auf dem besten Wege, eine Erfolgsgeschichte zu werden. Die Integrationspolitik der Schwarzen, wenn sie denn überhaupt diesen Namen verdient, ist gescheitert, und das ist ein Grund, guter Laune den Regeln und Gesetzen des Alltags zu vertrauen.

Wann immer sich eine Möglichkeit darbot, der politischen Verbiesterung das Wort zu reden, die Konservativen griffen zu: Sie verbreiteten die Lüge vom Rückzug der Türken aus der deutschen Gesellschaft; sie machten Stimmung gegen die Parallelwelten, die es in Deutschland nicht gibt; sie sprachen von Ausländern und meinten doch nur die Türken, deren fremde Kultur und fremder Glaube verhinderten, wirklich teilzunehmen. Dann verlegten sie sich darauf, moderate Politiker ins Feld zu schicken, die die sogenannten Türken willkommen hießen, als wären sie erst gestern eingewandert. Im Hintergrund aber arbeiteten die Konservativen Gesetze aus, harte und ungerechte Gesetze, sie verwiesen auf den vermeintlich ungeordneten unkontrollierten Zustrom von Fremden ins Land, sie verhielten sich, als ginge es darum, einer Plage Herr zu werden. Sie schürten Panik und Hysterie, sie appellierten an die niederen Instinkte, und wer Kritik anmeldete, wurde als Phantast beschimpft, der keinen Bezug zur Realpolitik habe. Der Verweis auf die Sachzwänge und der Verweis auf durchlässige Grenzen ließ die Menschen in Deutschland unsicher werden, und manch einer glaubte dem Märchen, dass das Boot voll sei; dass der Ausländer gefährlich fremd sei; dass die Muselmanen drauf und dran seien, zu einer großen Mobilmachung aufzurüsten.

Es tobt in Deutschland ein Kulturkampf, ein Krieg der Provokateure, die Metzgern mit stumpfen Ausbeinmessern gleichen, sie schneiden und stechen, sie reißen und zerren. Es ist an der Zeit, zu einer Ideologiekritik anzusetzen: Die Ideologie der Schwarzen und ihrer Helfershelfer bezieht sich auf den kleinen Mann auf der Straße, und ist doch nur das Recht der Machthaber. Unanständig nenne ich Volksnähe, wenn sie Instinkte und Affekte anspricht, wenn sie, wie im neuen alten Zuwanderungsgesetz beschlossen, von Erleichterung spricht, aber doch nur erschwert. Unanständig ist es, die alten Einwanderer in den Hinterhof- Gebetsräumen als Anhänger eines fremden Glaubens zu beleidigen, ohne einen Moscheeraum von innen gesehen zu haben. Unanständig ist es, nur Haufen und Horden zu sehen, wo es doch Menschen sind, die dieses Land als ihr eigenes Land betrachten.

Sie und ich fühlen uns in einem Humanismus verbunden, auf den sich zu beziehen heute dringlicher ist als gestern. Dieser Humanismus bedeutet, dass man auf der Seite der Schwachen steht. Deshalb werden wir angefeindet, deshalb werden wir diffamiert. Linkssein heute ehrt diese großartige Tradition. Wir machen weiter.

Der Kampf geht weiter.

Der Autor ist Schriftsteller ("Leyla"). Der Text basiert auf einer Rede, die er am Donnerstag auf einer Integrationskonferenz der Grünen-Bundestagsfraktion gehalten hat.

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