Islamdebatte : Offene Beziehung zwischen Deutschland und der Türkei

In der Beziehung zwischen Deutschland und der Türkei geht es oft zu wie auf dem Fußballplatz. Und doch können Berlin und Ankara dazu beitragen, dass sich ein europäischer Islam entwickelt.

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Spannung, Drama, Leidenschaft – in den Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei geht es oft zu wie auf dem Fußballplatz. Die Begegnung der Länder in der Qualifikationsrunde der Fußball-Europameisterschaft an diesem Freitag im Berliner Olympiastadion bringt die Teams, jeweils mehrere zehntausend Fans und die Spitzenpolitiker aus beiden Hauptstädten zusammen.

Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel und Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan nach dem Fußballabend über politische Themen wie Terrorbekämpfung und Integration reden, werden sie merken, dass das jeweils andere Land trotz aller Kräche und Aufregungen, die es immer wieder gibt, für die eigene Seite sehr wichtig ist. Und vielleicht halten sie einmal einen Moment lang inne, um festzustellen, dass es eigentlich gar nicht schlecht läuft zwischen Deutschen und Türken.

Beide Länder sind füreinander Schlüsselpartner, auch wenn den Politikern ein schöner deutsch-türkischer Krach hin und wieder wählerwirksamer erscheint als Harmonie. Die wirtschaftlichen und menschlichen Verflechtungen sind in den letzten Jahren und Jahrzehnten so stark gewachsen, dass deutsche Innenpolitik die Türkei berührt und umgekehrt. Wenn Erdogan vor einem türkischen Publikum in Köln vor der „Assimilierung“ türkischer Migranten warnt und sie als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ geißelt, ist in Deutschland der Teufel los. Wenn Thilo Sarrazin mit merkwürdigen Thesen über muslimische Migranten eine Debatte lostritt, macht sich die türkische Regierung Sorgen. Dennoch – oder gerade deshalb – sind die deutsch-türkischen Kontakte intensiver denn je. Seit Anfang des Jahres haben die Bundeskanzlerin, ihr Außenminister und ihr Innenminister die Türkei besucht. In zwei Wochen reist der Bundespräsident an den Bosporus.

Die engen Beziehungen, das türkische Europa-Streben und die Tatsache, dass die Türken und Deutsch-Türken die größte muslimische Minderheit in der Bundesrepublik stellen, eröffnen eine einzigartige Chance. Deutsche und Türken können dazu beitragen, dass ein demokratieverträglicher Islam in Europa ankommt.

Im Westen erscheint der Islam häufig als gewaltbereiter, antiwestlicher und hoffnungslos reformresistenter Block. Als muslimisches EU-Bewerberland kann die Türkei helfen, mit diesem Bild aufzuräumen. Sie kann die Imamausbildung weiter verbessern und dafür sorgen, dass die Deutschen erfahren, was sich so tut an Modernisierungsbestrebungen im Islam. Das Religionsamt in Ankara zum Beispiel brandmarkt Zwangsehen, „Ehrenmorde“ und die Entrechtung von Frauen als unislamisch. Die Behörde hat vor einigen Jahren erstmals weibliche Imame zu den Türken nach Deutschland geschickt.

Mehr Rechte für die kleine christliche Minderheit in der zu 99 Prozent muslimischen Türkei wären ebenfalls ein wichtiges Zeichen: Hätten die Christen in der Türkei dieselben Rechte wie die Muslime in Deutschland, würde das auch das Image der Türkei und des Islam in Europa enorm verbessern.

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