Islamdemo in Köln : Unser Umgang mit Muslimen bedroht die Gesellschaft

Der Aufmarsch europäischer Rechter wird in Köln bis zum letzten Bierdeckel bekämpft. Dafür lieben wir die Frohsinnskapitale am Rhein. Doch es passt schlecht zu einer liberalen Gesellschaft, wenn sie ihre Gegner nicht zu Wort kommen lässt. Es ist Zeit zu begreifen, dass nicht Muslime unsere Gesellschaft bedrohen, sondern der Umgang mit ihnen.

Andrea Dernbach

Dafür lieben wir sie, die Frohsinnskapitale am Rhein. Ein Aufmarsch europäischer Rechter wird in Köln bis zum letzten Bierdeckel bekämpft und mit der Höchststrafe bedroht („Kein Kölsch für Nazis“), Wolfgang Niedecken und seine Lokalrocker rufen wieder entschlossen „Arsch huh!“, und vermutlich sind die Motivwagen, auf denen am Rosenmontag die Ereignisse dieses Wochenendes veralbert werden, bereits in Arbeit. Bevor die Chose aber ganz unter Strüßjer und Kamelle verschwindet, vielleicht doch ein Zwischenruf: Vor kurzem noch, auf dem Höhepunkt des Streits um die Kölner Moschee, hätten die Stichworte der rechten Truppe von „Pro Köln“ nicht Gegendemonstranten auf die Straße gebracht, sondern Unterschriftenlisten gefüllt. „Gegen den Islam“ ist man, auch außerhalb Kölns, schon lange nicht nur in Neonazikneipen, sondern in den besseren Wohnvierteln. Der Schriftsteller Ralph Giordano, der jetzt unter den Gegendemonstranten war, verstieg sich damals zu der Aussage, die geplante große Moschee in Köln symbolisiere den Angriff auf unsere Demokratie, der Islam sei unvereinbar mit einer liberalen Gesellschaft. Erst jetzt, da „Pro Köln“ die Creme der europäischen Rechtsszene an den Rhein rief, scheint die gute Gesellschaft zu erschrecken; sie ruft zum Widerstand.

So könnte es doch weitergehen. Es wäre längst Zeit zu begreifen, dass nicht die Muslime die liberale Gesellschaft bedrohen, sondern der Umgang mit ihnen. An die Stelle von Indiz und Beweis tritt eine Kultur des Verdachts, die auch Menschen an den Rand oder unter die Beobachtung des Verfassungsschutzes stellt, die stockkonservativ oder bigott sein mögen, aber nicht deswegen schon Straftäter oder Terroristen sind. Diese Unkultur ist vor- und antidemokratisch, sie teilt in Freund und Feind und ihre Opfer sind am Ende nicht nur Muslime – was schlimm genug wäre –, sondern jede Form angeblich abweichenden Verhaltens. Sie bedroht jeden und jede von uns. Ganz abgesehen davon, dass sich diese Gesellschaft, die immer noch viel zu weiß, männlich, europäisch dominiert ist, um in einer globalisierten Welt erfolgreich zu bleiben, sich mit dem Ausschluss des „Anderen“, der Muslime, der Migranten, um wichtige Chancen bringt, sich zu erneuern und, ja auch, zu modernisieren.

Zu viel Hoffnung nach diesem kölschen Wochenende? Ein bisschen können wir sie, demoskopisch abgesichert, auf jeden Fall auf Kölns genius loci setzen. Wenn man einer neuen US-Studie glauben darf, dann sind überzeugte Gläubige in der Regel auch tolerant gegen Andersgläubige. Ohne nun Kurzschlüsse auf eine besondere Intoleranz von Atheisten und Agnostikern zu ziehen: Vielleicht war das katholische Köln ja die perfekte Kulisse für eine Demonstration, die zeigte, dass auch die Mehrheitsgesellschaft nicht nur aus Integrationsverweigerern besteht. Schade nur, dass Kölns Polizei sich lieber von anderen Überzeugungen leiten ließ. Dass die Kundgebung der Rechten am Samstag „aus Sicherheitsgründen“ verboten wurde, schafft denen nicht nur Märtyrer, sie passt auch schlecht zu einer liberalen Gesellschaft. Die ist am sichersten und demonstriert am eindrucksvollsten Stärke, wenn sie auch ihre Gegner zu Wort kommen lässt. Und nimmt ihnen, wenn sie sie daran hindert, sich zu versammeln, ein Recht, das historisch noch viel älter ist als das auf Wahl und freie Rede.

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