Meinung : Israel: Die große Wut des kleinen Bruders

Malte Lehming

War es eine unüberlegte Bemerkung, im Eifer des Gefechts? Ein spontaner Vergleich, der in keinem Manuskript stand? Nein, Ariel Scharon wusste genau, was er tat. Und er hat sich zwar jetzt entschuldigt, aber nichts zurückgenommen. In der Rede an die Nation war jedes Wort gewogen, jede Wirkung kalkuliert. Amerika, polterte der General, dürfe nicht den "schweren Fehler von 1938 wiederholen, als die aufgeklärten Demokratien Europas die Tschechoslowakei für eine bequeme Zwischenlösung opferten". Ausdrücklich warnte er US-Präsident George W. Bush davor, sich mit "den Arabern" auf Kosten Israels einzulassen.

Das saß. Washington war verärgert, ja schockiert. Der Affront aus Israel irritierte nicht weniger als dessen Zeitpunkt. Seit dem 11. September trauert die Nation, wird jede Stimme der Solidarität mit Dankbarkeit und Genugtuung registriert. Und dann das! Nie zuvor, schreibt die "Washington Post", habe Israel, wo NS-Analogien ein "einzigartiges Gewicht" haben, bei der Bewertung der amerikanischen Regierungspolitik zu solchen Vergleichen gegriffen. Eine derart schwere Belastung der Beziehungen habe es seit der Suez-Krise vor 45 Jahren nicht mehr gegeben. 1956 hatte US-Präsident Dwigth D. Eisenhower die Israelis gezwungen, ihre Truppen aus dem Sinai abzuziehen.

Mit kleinen gegen große Schurken

Bush ein zweiter Chamberlain? Und das Anti-Terror-Bündnis moralisch so verwerflich wie die Politik des apeasement, der Beschwichtigung gegenüber den Nazis? Kein Vorgänger Scharons habe sich einen ähnlich gravierenden Vorwurf wie die Anspielung auf das Münchner Abkommen geleistet, schreibt die "New York Times".

Natürlich wurde der Orkan wenig später in einen "kleinen Wolkenbruch" umdefiniert. Vorausgegangen war die scharfe Verurteilung von Scharons Rede als "vollkommen unakzeptabel". Inzwischen sind beide Seiten bemüht, die Wogen zu glätten. Das kann jedoch den tiefen Riss nicht übertünchen, der sich seit dem 11. September zwischen Amerika und Israel aufgetan hat. Zunächst überrascht die Fehde. Sind die Amerikaner nicht vom selben Übel getroffen worden, das die Israelis seit langem plagt? Das müsste doch zusammenschmieden.

Im Gegenteil. Amerika konzentriert sich in der ersten Phase des Feldzuges gegen Terror ganz auf Osama bin Laden, dessen Netzwerk "Al Quaida" und die in Afghanistan herrschenden Taliban-Milizen. Um diesen Kampf erfolgreich zu führen, müssen die USA notgedrungen Bündnisse mit arabischen Ländern eingehen - sogar solchen wie Iran und Syrien, die selbst im Verdacht stehen, terroristische Organisationen zu unterstützen. Dabei handelt es sich allerdings um Gruppen, die in erster Linie Israel im Visier haben, etwa die Hisbollah, die Hamas oder radikale Fraktionen der PLO. Jerusalem befürchtet, dass der Kampf gegen den Terror, der Amerika bedroht, den Kampf gegen den Terror, der Israel bedroht, schwächen könnte.

Diese Gefahr zeichnete sich bereits in Bushs brillanter Rede vor dem Kongress kurz nach den Anschlägen ab. Zwei Worte darin sind von besonderer Bedeutung: "continue" und "international". Der Kampf der USA schließe solche Staaten mit ein, sagte Bush, die "fortfahren", den Terrorismus zu unterstützen. Anders gesagt: Die Länder, die bislang auf entsprechenden Listen des Außenministeriums standen, werden nicht zur Rechenschaft gezogen, wenn sie sich jetzt wohl verhalten. Zweitens betonte Bush, der Kampf richte sich gegen jene Formen des Terrorismus, von denen eine "internationale" Bedrohung ausgehe. Vorrangig regional operierende Terrororganisationen - von der IRA über die ETA bis hin zur Hamas - bleiben also verschont. Sollte Israel gehofft haben, es könne sein eigenes Terrorproblem jetzt ohne politische Zugeständnisse lösen - gewissermaßen Großreinemachen im Schatten der Weltpolitik -, weiß es sich seit der Bush-Rede eines Besseren belehrt.

In Israel heißt es, Scharon fühle sich frustriert, ja betrogen. Zudem war kürzlich bekannt geworden, dass die US-Regierung alsbald eine eigene Friedensinitiative starten wollte. Außenminister Colin Powell plante für diesen Monat eine entsprechende Rede, in der er auch die Unterstützung eines palästinensischen Staates durch Amerika in Aussicht stellt. Diesen Plan haben die Anschläge am 11. September vorläufig durchkreuzt. Aber allein das Bekanntwerden der Absicht sorgte für Jubel in der arabischen Welt.

Ein Gutes hat die Krise: Sie widerlegt das Vorurteil, es gebe eine ewige Freundschaft Amerikas und Israels - eine Art unheilige Allianz zum Nachteil der Araber, beeinflusst durch mächtige jüdische Lobbygruppen in den USA. Dagegen sprechen viele Ereignisse, die jedoch gerne vergessen oder verdrängt werden: Es waren die Russen, nicht die Amerikaner, die die Gründung des Staates 1948 unterstützten; vor allem Frankreich versorgte das kleine Land bis in die sechziger Jahre mit Waffen; während der Suez-Krise zwangen die USA Israel zum Rückzug; und Amerika verurteilte den Siedlungsbau stets.

Zum Frieden gezwungen

Der US-Kongress unterstützt Israel zwar jährlich mit drei Milliarden Dollar, aber seit 1979 (Camp David) auch Ägypten mit zwei Milliarden und seit einigen Jahren ebenfalls Jordanien; Ronald Reagan setzte 1982 gegen Menachem Begin den Plan durch, die PLO aus Beirut zu evakuieren; George Bush Senior prügelte die Schamir-Regierung zur Friedenskonferenz nach Madrid; Bill Clinton empfing keinen anderen Staatsmann so oft im Weißen Haus wie Jassir Arafat.

Nach dem 11. September hieß es gelegentlich, Amerika büße für die Sünden Israels. Ein absurder Vorwurf. Mit dem Schicksal der Palästinenser haben die Terroranschläge kaum etwas zu tun. Im Weltbild Osama bin Ladens geht von der Emanzipation der Frauen eine größere Bedrohung aus als von "den Zionisten". Umgekehrt wird wohl Israel für die Sünden büßen, die Osama bin Laden in Amerika begangen hat. Der Druck auf Scharon wird noch wachsen. Er spürt, dass die Amerikaner von ihm Kompromisse verlangen werden. Eine ähnliche Entwicklung gab es schon einmal: Als Bush Senior vor zehn Jahren seine Anti-Saddam-Koalition schmiedete, sah sich Israel recht bald in die Isolation getrieben. Selbst als irakische Scud-Raketen während des Golfkrieges auf Tel Aviv niedergingen, durfte das Land sich nicht wehren. Am Ende stand die Nahost-Friedenskonferenz von Madrid.

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