Meinung : „Israel muss schmerzhafte Verzichte leisten“

Charles A. Landsmann

Noch nie musste sich ein israelischer Regierungschef im Parlament derart beschimpfen lassen wie jetzt Ariel Scharon von seinem Parteikollegen Usi Landau: „Du hast Israel in einen der korruptesten Staaten des Westens verwandelt. Du hast das Volk auseinander gerissen. Du bist ein korrupter, furchtbarer und herzloser Anführer.“

Nach Ansicht der Siedler und Nationalisten hat „Arik“ Scharon seinen „einseitigen Loslösungsplan“, also die Siedlungsräumungen und den Truppenabzug, nur deshalb durchgesetzt, um von den Korruptionsskandalen seiner Familie abzulenken. Genützt hätte es allerdings nicht, denn zumindest Sohn Omri, selbst Abgeordneter, kommt vor Gericht und wohl ins Gefängnis.

Dem Vater muss gleichwohl der außerordentliche Mut bescheinigt werden, der ihn bereits als General zur Legende werden ließ. Ariel Scharon ist schon immer stur seinen Weg gegangen und hat sich jeweils durchgesetzt – was seine parteiinternen Gegner, Nationalisten und Siedlerführung offensichtlich verdrängt haben: Nicht Scharon hat das Volk auseinander gerissen – höchstens seine Partei gespalten –, vielmehr hat die Siedlerführung über Jahrzehnte ihre Gefolgsleute immer weiter der Bevölkerung entfremdet.

Scharon Herzlosigkeit vorzuwerfen, wagten bisher nur die Palästinenser, und hatten in Bezug auf ihr Volk damit auch Recht. Doch den „Bulldozer“ zeichneten auch diesmal vielmehr Kaltblütigkeit, Machtbewusstsein und ein gehöriges Maß politischer Taktik aus. Ob auch eine ideologische Umkehr dazugehört, ist noch offen.

Im Ausland wurde das 77-jährige Schwergewicht vor allem als Kriegstreiber, als Palästinenserfeind und Friedenshindernis wahrgenommen. In Israel selbst hatte er sich jedoch als „Herr Sicherheit“ etabliert. Für die, verkündete er im letzten Wahlkampf, müsse Israel „schmerzhafte Verzichte“ leisten. Worte, die von den meisten seiner Wähler wohl verdrängt wurden. Doch nun hat Scharon zu deren Entsetzen Wort gehalten. Es ging ihm bei seinem Plan tatsächlich um die Sicherheit des Staates und der Bürger. Nur: Wie er das von ihm ausgelöste Momentum für den weiteren Friedensprozess nutzen will, ist bisher kaum zu erkennen. Doch da schon der Soldat Scharon die Überraschungsoffensive zu seiner Taktik gemacht hatte, sind weitere Überraschungscoups nicht auszuschließen. Wenn er denn im Amt bleibt und nicht gestürzt wird.

Scharon hätten die Siedlungsräumungen wenn nicht politisch, so sicherlich persönlich gut getan, befanden spöttische Fernsehkritiker. Er sei sichtlich dünner geworden.

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