Israel : Wendepunkt in der Geschichte

Die Juden waren Opfer, sie wollen es nie wieder sein. Und nun, in der Auseinandersetzung mit dem Iran, fühlt sich Israel allein gelassen. Ein Bericht aus einem bedrohtem Land.

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Israels Präsident Schimon Peres legt am Holocaust-Gedenktag einen Kranz nieder.
Israels Präsident Schimon Peres legt am Holocaust-Gedenktag einen Kranz nieder.Foto: Reuters

Die Straßen sind uneben. Steine, die nebeneinander liegen, als hätten sie eben erst Verbindung zueinander aufgenommen, verlangsamen den Schritt. Auf und ab gehen die Straßen, Gerüche durchziehen sie, jeder wie eine Aufforderung, ihm zu folgen, ihn zu ergründen, alles riecht nach Leben. Die Klagemauer ist nicht mehr weit, noch eine Treppe, ein Platz, eine Taschenkontrolle entfernt. Dieses Jahr in Jerusalem, diese Woche, dieser Tag. Das ganze Land erinnert sich seiner Helden und seiner Opfer. Es hält inne, hält still für den Moment, um sich zu versenken in vergangenes Leid, um für die Zukunft gerüstet zu sein. Seelisch.

Israel in dieser Zeit. Die Sonne brennt, der Wind kommt eisig kühl hinterher, der helle Sandstein lässt die Hügel der Stadt Jerusalem leuchten. Besuchergruppen durchströmen sie, aus allen Ländern, nicht laut, nicht leise, die Sprachen verschmelzen, wenn sie auf engen Gassen einander begegnen, sich mischen, sich wieder trennen und auseinander streben. Orthodoxe Juden begegnen ihnen allen, das Stadtbild ändert sich, sie wirken dominant, schwarz-weiß gekleidet, die Hüte groß wie die Selbstverständlichkeit, in der sie ihren Platz auf der Straße einfordern. Sie rücken vor und nehmen ein, Restaurants, Straßenzüge. Aufmerksamkeit folgt ihnen.

Eine Veränderung ist zu greifen. Das Traditionelle lebt, das auch, aber es ist das politische Leben, das es begleitet in dieser hochpolitischen Stadt. Benjamin Netanjahu, der Premierminister, hatte gerade seinen palästinensischen Amtskollegen zu Gast. In der Apartheid wäre das nicht passiert, so reaktionär war der konservative Netanjahu nie. Der Rassismus Südafrikas sah auch anders aus. Sigmar Gabriel hat einen schnellen Eindruck von seinem Besuch in Ramallah niedergeschrieben, einen flüchtigen dazu, und einen bleibenden hinterlassen. Die Menschen hier haben gelernt, nicht zu vergessen. Sie zu versöhnen, ist eine lang währende Aufgabe.

Es ist nicht, dass sie keinen Frieden wollten, ihn nicht halten wollten in der Regierung Netanjahu. Das ganze Land, das ganze kleine Land, weiß doch, was das heißt: Frieden. Und was Krieg bedeutet. Darum laufen junge Männer in Uniform mit Maschinengewehren und scharfer Munition durch die Straßen, verweilen sie auf Plätzen, lachend, feixend, entspannt auf steinernen Bänken vor der goldenen Menorah, dem Leuchter, der dermaleinst wieder auf seinen Platz im großen Tempel gelangen soll, wenn der wieder steht, und wenn alle Bitten, die in die Ritzen der westlichen Mauer des Tempelbergs, der Klagemauer, versenkt wurden, Wirklichkeit geworden sind.

Frieden kann es geben, auf ewig, würde auch Netanjahu sagen - wenn das Recht seines Landes auf Existenz von den Nachbarn, den arabischen, palästinensischen, anerkannt wird. Ein für alle Mal. Wenn keiner der Nachbarn mehr den "Staat der Zionisten" von der Landkarte auch der Geschichte tilgen will. Ganze neun Kilometer ist Israel an seiner schmalsten Stelle breit.

Wenn da nicht so viel anderes zu hören wäre. Von den nahen Nachbarn und den fernen, aus dem Iran. Auch, nein, gerade in Israel wird jedes Wort genau gehört, wird in Gesprächen nach dem Eindruck des Gastes gefragt, wie ernst die Situation denn aus seiner Sicht sei. Jobwechsel werden storniert, Umzüge auch, in Haifa oder Tel Aviv zu leben, wenn das unvorstellbar Vorstellbare eintritt - nein, das doch lieber nicht, nicht jetzt. Die Menschen richten sich ein, in dieser Zeit, in diesen Umständen.

Sie warten. Gespannt und angespannt, nehmen alle Informationen zur Lage auf, analysieren sie. Nicht nur die in der Regierung, in den Streitkräften oder Geheimdiensten. Israel in seiner Lage: Was von Beobachtern für Gewohnheit gehalten wird, für schiere Anpassung an die Situation, ist doch ein Zustand an Aufmerksamkeit, der Kraft kostet: die Kraft, sich zu beherrschen, aber nicht sich beherrschen lassen. Nicht von Angst, aber auch nicht von anderen, die denken, sie wüssten es besser.

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