Meinung : Ist der christliche Glaube intolerant?

Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Foto: Kitty Kleist-Heinrich

„Vereint glauben“ vom 2. September

Darum scheiden und sondern diese Artikel des Glaubens uns Christen von allen andern Menschen auf Erden. Denn was außerhalb der Christenheit ist, es seien Heiden, Türken, Juden oder falsche Christen und Heuchler, ob sie gleich nur einen wahrhaftigen Gott glauben und anbeten, so wissen sie doch nicht, wie er gegen sie gesinnet ist, können sich auch keiner Liebe noch Guten zu ihm versehen, darum sie in ewigem Zorn und Verdammnis bleiben. Denn sie haben den Herrn Christus nicht.“ Nach dem Großen Katechismus, aus dem das Zitat stammt, und damit nach offizieller kirchlicher Lehre, landen explizit Juden und Türken in der ewigen Verdammnis. Ist das die „positive Toleranz“, von der Herr Dröge spricht? Herr Dröge möchte sich auch gegen „fundamentalistische, menschenverachtende Ideologien“ abgrenzen. Zu glauben, dass Türken und Juden einmal in der ewigen Hölle schmoren werden – nicht, weil sie vielleicht böse wären, sondern einfach, weil sie Türken und Juden sind – ist keine fundamentalistische, menschenverachtende Ideologie? Es ist ja wohl keine Frage, dass es auf der Grundlage dieser Kirchenlehre, die mit der Lehre des Jesus von Nazareth nichts mehr zu tun hat, auf Dauer kein friedliches Nebeneinander der Religionen geben kann.Ralf Böhm, Berlin-Buckow

Nach evangelischem Verständnis muss sich das Bekenntnis immer wieder neu bewähren und bewahrheiten. Lehramtliche Entscheidungen müssen daran geprüft werden, ob sie der biblischen Botschaft, also „der Lehre des Jesus von Nazareth“, entsprechen. Dies ist zu bedenken, wenn man über die Bedeutung der Toleranz für den christlichen Glauben nachdenkt. Der Toleranzbegriff hat sich seit der Reformation massiv gewandelt. Maßgeblich für das heutige theologische Toleranzverständnis war der Umdenkprozess, den die Evangelische Kirche nach 1945 in die Wege geleitet hat. Die Erkenntnis, dass die Kirche der nationalsozialistischen Ideologie nur wenig entgegenzusetzen hatte, führte zu einer vollständigen Neubestimmung des Verhältnisses zum Judentum. In der Kirchenordnung der Landeskirche wird festgehalten: „Die Kirche erkennt und erinnert daran, dass Gottes Verheißung für sein Volk Israel gültig bleibt: Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen. Sie weiß sich zur Anteilnahme am Weg des jüdischen Volkes verpflichtet.“ Eine theologische Verdammung von Jüdinnen und Juden ist damit ausgeschlossen. Dies ist auch für den Dialog mit anderen Religionen maßgeblich. Die Reformatoren waren natürlich Kinder ihrer Zeit. Zu der damaligen Zeit wurden Juden und Heiden lediglich aus pragmatischen Gründen in der Gesellschaft geduldet. Wenn im Spätmittelalter von Toleranz die Rede war, dann in dem ursprünglichen Wortsinn, dass etwas im Grunde Inakzeptables zu ertragen war. Erst die Weiterentwicklung des Toleranzgedankens vornehmlich im aufklärerischen Denken führte zu einer Überwindung dieses Ansatzes. Die Absolutheitsansprüche aller Bekenntnisse wurden – häufig gegen den Widerstand der Kirchen – relativiert. Beispielhaft ist der Prediger Pierre Bayle. Aus Frankreich vertrieben, entwickelte der Hugenotte im niederländischen Exil den modernen Toleranzgedanken, indem er Gedanken des Humanismus aber auch der Theologie Martin Luthers weiterführte. In Fragen des Glaubens, die immer auf das Unverfügbare verweisen, könne es keinen Zwang geben, denn es gebe Bayle zufolge auch keine für jedermann einsichtigen Wahrheitskriterien. Das aufklärerische Toleranzverständnis konnte und kann sich aber in einen Selbstwiderspruch verwickeln. Die sogenannte Paradoxie der Toleranz hat die Zeit der Aufklärung durchaus geprägt, insofern etwa die Religionen aggressiv zurückgedrängt wurden. Und so wundert es nicht, dass sich bei vielen Zeitgenossen der Aufklärung, unter ihnen Voltaire, antijüdische Ressentiments nachweisen lassen. Toleranz braucht den Dialog mit Andersdenkenden. Die Religionsgemeinschaften haben dabei aufgrund ihrer Geschichte die Aufgabe, die ihnen innewohnenden Friedens- und Dialogkräfte zu mobilisieren. Aus theologischer Perspektive ist eine Selbstrelativierung notwendig, die mit dem Bekenntnis zu dem unverfügbaren Gott verbunden ist. Wer sich auf den biblischen Gott bezieht, kann seinen Glauben und seine Überzeugungen nicht zu einer fundamentalistischen Heilsgewissheit erheben. Wo dies geschieht, ist es ein Eingriff in den Bereich des menschlich Unverfügbaren. Fundamentalisten pfuschen Gott ins Handwerk.

Erstaunlicherweise ist heute der aggressive atheistische Humanismus oft fundamentalistischer und intoleranter als der gebildete christliche Glaube. Ein theologisches Toleranzverständnis bewegt sich zwischen der Skylla des Fundamentalismus, der ein Glaube ohne Skepsis ist, und der Charybdis der Indifferenz, die eine Skepsis ohne Glaube ist. Bekenntnistexte ungeschichtlich wörtlich zu nehmen, ist nicht Sache einer theologisch verantwortlichen Theologie. Evangelisches Lehramt hat darauf zu achten, dass aktuelle Glaubensaussagen dem Geist der Lehre Jesu Christi entsprechen. In diesem Sinne ist theologisch reflektierte Toleranz heute mit dem Theologen Michael Weinrich zu bestimmen als „eine situationssensible Lebensform, die dem christlichen Bekenntnis in seiner Achtsamkeit für den Nächsten in genuiner Weise entspricht“.

— Dr. Markus Dröge, Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz

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