Meinung : Ist der Osten bei der Wiedervereinigung schlecht weggekommen?

Foto: Kai-Uwe Heinrich
Foto: Kai-Uwe Heinrich

Zur Berichterstattung über zwanzig Jahre deutsche Einheit

Eigentlich dürfen sich die Ostdeutschen nicht über die Einheit beschweren. Sie haben genau die Art Einheit bekommen, für die sie sich vor 20 Jahren entschieden haben: Beitritt nach Artikel 23 Grundgesetz und Eins-zu- eins-Währungsumstellung. Sie sind sogar dafür auf die Straße gegangen und haben dafür demonstriert. Diejenigen, die vor den Folgen dieser Art Einheit gewarnt hatten, Bürgerrechtler, SPD und PDS, wurden bei den Wahlen gnadenlos abgestraft. So dürfte es auch zu den ersten demokratischen Erfahrungen der Ostdeutschen gehören: wenn man selber demokratische Entscheidungen trifft, kann man sich auch irren. Und: Wer die Mehrheit hat, muss nicht immer recht haben.

Außerdem hat es seinen Preis, über Nacht Bürger einer wirklichen ökonomischen Weltmacht geworden zu sein, mit einem Wohlstand, an dessen Zustandekommen man keinen Anteil hat, von dem man aber gern profitieren wollte. Ob es die anderen Osteuropäer besser haben, die zwar nicht den Wohlstand der Ostdeutschen haben aber das größere Selbstbewusstsein, weil sie sich selbst behelfen mussten und keinen reichen Verwandten im Westen hatten, muss jeder für sich selbst entscheiden. So gesehen dürfte der Verlauf der letzten 20 Jahre in Ordnung gehen. Allerdings muss man der Politik und den Meinungsbildnern den Vorwurf machen, dass sie sich fast ausschließlich auf den „alle selig machenden“ Begriff der Wiedervereinigung konzentriert haben, anstatt regelmäßig – gewissermaßen zur Ernüchterung – darauf hinzuweisen, dass am 3. Oktober 1990 ein Beitritt stattgefunden hat. Das hätte vielen Deutschen in Ost und West viele Irrtümer, Missverständnisse und Illusionen erspart.

Olaf Stephan, Berlin-Altglienicke

Sehr geehrter Herr Stephan,

Sie haben durchaus recht. Man muss zu den Folgen seiner (Wahl-)Entscheidungen in einer Demokratie stehen. Das gilt auch für die Ostdeutschen. Eine große Mehrheit wollte 1990 die schnelle Vereinigung, denn was die meisten Menschen sich wünschten, nämlich Freiheit, Rechtsstaat und Wohlstand, das gab es ja nebenan, im Westen Deutschlands. Warum also einen Umweg wählen über eine irgendwie verbesserte DDR oder eine längere Verfassungsdebatte? Zudem gab es aufs Tempo drückende Faktoren: der sich beschleunigende Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft, die Ungeduld der DDR-Bürger („Kommt die D-Mark, bleiben wir! Kommt sie nicht, geh'n wir zu ihr!“) und die außenpolitische Ungewissheit (wie lange Gorbatschow an der Macht bleiben und die Sowjetunion einer Vereinigung zustimmen würde). Deshalb wurde der pragmatische und schnellere Weg über Artikel 23 Grundgesetz gewählt: Beitritt, beschlossen von der frei gewählten Volkskammer.

Es war kein Anschluss, es war keine bloße Wiedervereinigung, sondern auch eine Neuvereinigung zweier ungleicher Partner mit vielen Problemen, die aus dieser Ungleichheit resultierend bis heute noch nicht alle gelöst sind: Produktivität und Bruttoinlandsprodukt sind im Osten um circa 25 Prozent niedriger als im Westen Deutschlands, entsprechend sind auch Löhne und Gehälter niedriger, dafür ist die Arbeitslosigkeit doppelt so hoch. Trotz aller positiven Entwicklungen, die wahrlich unübersehbar sind, bleiben gewaltige Herausforderungen. Zu bewältigen sind im Osten Deutschlands die langfristigen Folgen der höheren Arbeitslosigkeit, drohende Altersarmut, anhaltende Abwanderung (Ostdeutschland hat seit 1990 einen Bevölkerungsverlust von zwölf Prozent zu beklagen und zu verkraften), eine alternde Bevölkerung (mehr noch als im Westen), die wirtschaftlichen, sozialen, regionalen Unterschiede im Osten selbst nehmen zu und verschärfen sich zu bitteren Gegensätzen … Das alles tut weh. Und die Schmerzen sind umso größer, als anderes versprochen und erwartet war. Wer vollmundig und leichtfertig das schnelle Wunder „blühender Landschaften“ verspricht, der ist mitverantwortlich für die Enttäuschung über das verspätete Eintreffen des Wunders. Das gilt natürlich auch für die, die allzu gerne den Versprechungen glauben wollten.

Solche Kritik- und Problembeschreibung heißt allerdings nicht, sich über die Einheit zu beschweren. Die Ostdeutschen sind darin ganz normale Deutsche: Sie genießen das Erreichte und sind unzufrieden mit dem Nichterreichten. Sie sind immer mal wieder missmutig und übellaunig. Na und? Wir können und müssen jetzt und in Zukunft Probleme lösen, nach denen wir uns zu Zeiten der Spaltung gesehnt haben, nämlich wirtschaftliche Angleichung, sozialen Ausgleich und Vereinigung unterschiedlicher Erinnerungen und Prägungen – in einem gemeinsamen Land, das in Frieden mit allen seinen Nachbarn lebt, in Grenzen, zu denen alle unsere Nachbarn ja gesagt haben. Wann hat es das in der deutschen Geschichte schon mal gegeben! Und das können wir doch auch feiern, sogar wir Deutschen! Und am inneren Frieden weiterarbeiten.

Mit freundlichen Grüßen

— Dr. Wolfgang Thierse (SPD), Vizepräsident

des Deutschen Bundestages

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