Meinung : Ist die Energiewende nur eine schöne Illusion?

Foto: promo
Foto: promo

Berichterstattung zur Energiewende

Ist unsere politisch verordnete Energiewende zu 80 Prozent oder gar 100 Prozent aus regenerativer Energie – dominierend als Wind- oder Sonnenstrom – ein Irrweg ? Auch beliebig viele Wind- und Sonnenenergieanlagen sind weder „notwendig noch hinreichend“. Eine sichere und bezahlbare Stromversorgung zu gewährleisten, würde allerdings das Stromerzeugungssystem in Deutschland zum teuersten und ineffizientesten der Welt machen. Leider ist Null mal einer beliebig großen Zahl immer noch gleich Null!

Prof. Dr.-Ing. Helmut Alt, FH Aachen

Die Kurskorrektur der deutschen Energiepolitik im Frühjahr 2011 hat einen sehr rationalen Kern. Die Katastrophe im japanischen Fukushima hat jedem Wahrnehmungswilligen nochmals verdeutlicht, dass Technologien mit riesigen Schadenspotenzialen auch dann nicht akzeptabel sind, wenn die Eintrittswahrscheinlichkeit sehr niedrig bewertet wird. Zu diesen Schäden gehören viel menschliches Leid, aber eben auch hohe Kosten. Auch wenn es rein rechnerisch nur alle 10 000 Betriebsjahre eintreten sollte, haben wir nach 58 Jahren kommerziellen Kernkraftwerksbetriebs mit Fukushima nun schon mindestens das dritte Mal eine große Reaktorkatastrophe. Die ersten und (sehr) unvollständigen Kostenschätzungen für die Fukushima-Katastrophe belaufen sich auf 220 Milliarden Euro. Kaum vorstellbar, was passiert wäre, wenn der Wind in Fukushima in den ersten Tagen der Katastrophe nicht seewärts geweht hätte.

Auch die Stromversorgung jenseits der Kernenergie-Frage steht vor gewaltigen Umgestaltungen, wenn wir die Folgen des globalen Klimawandels in gerade noch erträglichen Grenzen halten wollen. Dies wird die Umstellung des Stromerzeugungssystems auf emissionsfreie Technologien, auf erneuerbare Energien erforderlich machen. Aber ist das wirklich eine Illusion, und wird es wirklich unbezahlbar? Unbestritten ist, dass ein auf erneuerbaren Energien beruhendes Energiesystem in Europa sehr große Anteile von Solar- und Windenergie haben wird. Energiequellen, die im Angebot stark schwanken, aber inzwischen auch gut prognostizierbar sind. Wer daraus die Schlussfolgerung zieht, dass ein solches Energiesystem nicht funktionieren kann, denkt aus drei Gründen bestenfalls zu kurz: Erstens wird das Stromversorgungssystem für die nächsten drei Dekaden noch erhebliche konventionelle Kraftwerkskapazitäten umfassen. Kohle- und zunehmend Erdgaskraftwerke, die Leistung dann bereitstellen, wenn die erneuerbaren Energien zu wenig Strom anbieten und damit die notwendige Flexibilität des Systems sichern. Mit dem Emissionshandelssystem der Europäischen Union sind die Treibhausgasemissionen dieser Kraftwerke fest gedeckelt, für das Klima entsteht kein zusätzliches Problem. Zweitens können über die europäische Integration des Stromsystems erhebliche Flexibilitäten erschlossen werden. Der Wind weht nicht überall in Europa gleichzeitig, die Sonne scheint mit unterschiedlicher Intensität. Drittens werden in 15 bis 20 Jahren Speicher eine große Rolle spielen. Hier ist eine enorme Innovationsdynamik im Gang, finden intensive Diskussionen und Entwicklungen statt. Wir wissen heute nicht, ob die Nutzung der Speicherpotenziale Skandinaviens oder des Alpenraums, Autobatterien, chemische Speicher wie Wasserstoff oder ein Mix aus allen den Großteil der Speichernotwendigkeiten abdecken wird, doch dafür haben wir mindestens eine Dekade Zeit.

Schließlich der Mythos von der Unbezahlbarkeit: Richtig ist, dass erneuerbare Energien noch für einige Zeit unterstützt werden müssen. Und teilweise in den letzten Jahren zu großzügig unterstützt worden sind, weil die Kosten massiv und viel stärker als erwartet gesenkt werden konnten. Für viele wind- und sonnenreiche, aber ärmere Regionen der Welt ist erst durch die mit der Förderung in Deutschland erzielten Kostensenkungen die Nutzung umweltfreundlicher Energiequellen erschwinglich geworden. Die Erwartungen, dass ein verstärkter Ausbau der erneuerbaren Energien die Kosten senkt, erfüllen sich jedenfalls. Im Gegensatz zu anderen Energietechnologien. Gerade haben die Aufsichtsbehörden den Neubau eines Kernkraftwerks in den USA genehmigt. Eines Kraftwerks mit 2200 Megawatt Leistung, das trotz staatlicher Garantien für einen Großteil der Kredite 10,5 Milliarden Euro kosten wird, mit Stromerzeugungskosten von etwa 11 Cent pro Kilowattstunde. Nach fast 60 Jahren Entwicklung dieser Technologie. Nur zur Erinnerung: Windstromerzeugung an Land wird derzeit in Deutschland mit 9 Cent für die ersten fünf Jahre, danach mit knapp 5 Cent vergütet.

Der in Deutschland in Gang gekommene Umbau des Stromsystems ist richtig und nachhaltig. Er induziert die ohnehin notwendigen Investitionen frühzeitig, setzt Innovationen frei, führt zu Kostensenkungen bei Zukunftstechnologien und ist so im wirtschaftlichen Interesse unseres Landes. Er beinhaltet eine Vielzahl von Herausforderungen und strittigen Aspekten. Darüber lohnt es sich zu streiten. Aber nicht über zu kurz gegriffene Argumente von gestern.

— Dr. Felix Chr. Matthes, Forschungskoordinator Energie- u. Klimapolitik, Öko-Institut e. V., Berlin

0 Kommentare

Neuester Kommentar