Meinung : Ist die S-Bahn noch zu retten?

Foto: Mike Wolff
Foto: Mike Wolff

Zur Situation im S-Bahn-Verkehr

Sehr geehrte Damen und Herren,

wirklich keine Woche vergeht bei der S-Bahn ohne Beeinträchtigungen, einen verlässlichen Verkehr bekommt man dort nicht hin. Gerade auf den Nord-Süd-Linien S 2 und 25 ist es chaotisch, Gründe für Zugausfälle oder Streckenverkürzungen sind nicht nachvollziehbar. Offensichtlich scheint die ganze Misere aber niemanden mehr zu stören (am allerwenigsten den Verkehrsminister als immer noch Verantwortlichen), man hat sich nach mehr als drei Jahren daran gewöhnt. Und eine erneute Entschädigungsleistung wird ebenfalls nicht erörtert. Von daher ist eine Ausschreibung auch für Teilstrecken nur zu begrüßen – schlechter kann es wirklich nicht mehr werden!

Frank Schulze, Berlin-Lankwitz

Was wirklich bei der S-Bahn drückt, sind technische Probleme, von denen der tägliche Nutzer nichts ahnt: Es ist beim Stand der Technik nicht machbar, Teile verschiedener Baureihen von S-Bahn-Zügen untereinander auszutauschen! Das behindert jeden – auch zeitlichen – Fortschritt bei der Behebung von Mängeln, welche zu den bekannten Betriebsstörungen geführt haben, die seit 2007 gehäuft aufgetreten sind. Die Reduzierung von Wartung und Pflege der Züge gehen auf das Konto von Herrn Mehdorn. Das betrifft auch die Weiterentwicklung der Technik bei den Bahnanlagen wie auch beim Stationsservice. Das Problem lässt sich sehr einfach summieren: Normung und Standardisierung sind gröblichst vernachlässigt worden zugunsten eines sehr profitablen Konkurrenzdenkens in der Wirtschaft.

In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde die Deutsche Industrienorm – DIN – eingeführt, nach dem Krieg erfolgreich fortgeführt und auch in der DDR (TGL) sowie im gesamten Ostblock (GOST) aus gutem Grund erhalten:

Technische Gruppen oder Teile waren austauschbar, egal, wer sie hergestellt hat. Das hat sich grundlegend geändert; und die Nachteile überwiegen. Jeder liegt mit jedem in Konkurrenz, Normung und Standardisierung technischer Teile bleiben auf der Strecke. Das nützt den Profiteuren und schadet der Volkswirtschaft. Großbritannien und die USA haben es heimlich, still und leise verstanden, für die aktuell modernsten Technologien wie Logistik und Computertechnik ihre Normen (britisches Maß) weltweit durchzusetzen. Wem das nicht zu denken gibt, der sollte von solchen Dingen wie Bahnbetrieb die Finger lieber lassen.

Die Politik – auch der Berliner Senat – sollte sich besser dafür stark machen, dass in der Wirtschaft Normen und Standards wieder ihren gebührenden Platz finden – bis hinein in die EU-Kommission. Da könnten die Parteien mal in einen echten Wettbewerb treten und zeigen, was sie zu leisten vermögen! Gegenwärtig produzieren sie bezüglich der S-Bahn nur heiße Luft zuungunsten eines soliden Bahnbetriebs, an dem wir alle sehr interessiert sind.

Ing.-Päd. Gottfried Vogel, Teltow

Mitglied des Kundenbeirats der S-Bahn

Die Situation bei der S-Bahn Berlin ist in der Tat nach wie vor wenig zufriedenstellend. Auch wenn es etwas besser geworden ist: Hier muss noch viel passieren. Darauf habe ich seit meinem Amtsantritt Ende 2009 hingewiesen und mich persönlich für eine Verbesserung eingesetzt. Auch wenn die Zuständigkeit beim Senat liegt. Denn der öffentliche Nahverkehr ist Aufgabe der Länder, der Bund unterstützt sie dabei lediglich finanziell. Ich habe mich seit dem ersten Winterchaos mit den Verantwortlichen zusammengesetzt, um Lösungen zu erarbeiten.

Konkrete Ergebnisse: Ich habe als Eigentümer der DB AG mit dafür gesorgt, dass das Management bei der Konzerntochter S-Bahn Berlin ausgetauscht wurde, stillgelegte Wartungshallen wieder eröffnet und neues Personal eingesetzt wurden, damit die Wagen zügig repariert und sofort wieder eingesetzt werden können. Klar ist aber auch: die reparaturanfällige alte Wagenflotte der S-Bahn ist das Kernproblem.

Das S-Bahn-Management hat jahrelang versäumt, ausreichend Geld in neues Material zu investieren. Die S-Bahn Berlin braucht aber eine moderne, leistungsfähige Zugflotte. Rund eine Milliarde Euro muss nun investiert werden, um neue Wagen anzuschaffen. Wir haben der DB AG für diese Investition grünes Licht gegeben und mit dem Handbuch Eisenbahnfahrzeuge klare Regeln geschaffen, um die Beschaffung zu beschleunigen und Qualität zu sichern. Schon vor rund zwei Jahren war klar, dass der Senat so früh wie möglich die Weichen stellen muss für diese Investition. Durch das Zögern bei der Teilausschreibung dauern Entwicklung und Bau der neuen S-Bahn-Züge jetzt entsprechend länger. Diese Nachlässigkeit ist angesichts der nach wie vor angespannten Situation erstaunlich.

— Dr. Peter Ramsauer, Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, Berlin

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