Meinung : Ist doch nicht wahr

Wir haben gegen Rumänien gewonnen – was sollte sonst aus Deutschland werden?

Helmut Schümann

In Worte ist das Entsetzen wohl nicht mehr zu fassen, nur noch in Zahlen: 0:1, 0:2, 0:3, 0:4 - alles aus deutscher Sicht, und bei 0:4 waren erst 45 Minuten gespielt. 0:5, und am Ende und kein Trost: 1:5. Man muss dazu wissen, dass beim Stand von 0:5 ein Gegentreffer lediglich gewährt wird und Ausdruck von Mitleid ist. 1:5! Gegen Rumänien! Herrgott, nein, im Namen der Helden von Bern, im Namen Uwe Seelers, Günter Netzers, Franz Beckenbauers, Joachim Streichs, Jürgen Sparwassers und, bitteschön, auch im Namen von Lothar Matthäus, muss die Frage hinausgebrüllt werden: Wann jemals hatte deutscher Fußball Mitleid nötig?

Jetzt!

Es sind nur noch 47 Tage bis die deutsche Fußballnationalmannschaft gegen die Niederlande zu ihrem ersten Spiel der Europameisterschaft anzutreten hat – einem Wettbewerb, an dem Rumänien mangels Qualität gar nicht erst teilnehmen darf. 47 Tage, und unser Fußball steht da wie unsere Mautgebühr: Wir wollen ja schon, wir können nur nicht. Stimmt also wieder, dass der Ball rollt, wie es das Land verdient hat? Oder anders gefragt: Was müssen wir eigentlich noch alles ertragen? VW und Audi rufen jetzt weltweit 870 000 Autos zurück in die Werkstatt, deutsche Qualitätsautos, die Vorderachse ist defekt. Soll uns etwa trösten, dass es nur die Vorderachse ist, wohingegen die Vorderachse im deutschen Fußballspiel gar nicht erst eingebaut war, wie auch nicht die Mittelachse, und die Hinterachse poröser war, als es die von VW und Audi jemals sein könnten?

Allüberall Nöte in diesem Land, Haushaltsschwäche, Abspielschwäche, die Windenergie steckt in der Flaute, unser Sturm auch, vom Dosenpfand zum Flaschenpfand für unsere Nationalspieler bedarf es nur eines kleinen kalauerischen Gedankensprungs, und wenn man Bundesfinanzminister Eichels Eingeständnis, bis 2006 den Haushalt eben nicht entschulden zu können, fortsetzt auf den Fußball … ganz depressiv möchte man da werden. 2006 veranstalten wir in Deutschland die Fußballweltmeisterschaft. Die Sorge, bis dahin auf dem Rasen auch nicht mehr erstklassig zu sein, wächst und wächst und wächst. Vielleicht sollten wir doch langsam das Licht ausmachen in diesem Land.

Oder Franz Beckenbauer folgen. Der hat nach dem Debakel in Bukarest die ultimative Haltung gefunden, eine Haltung, die uns helfen wird, wenn das Ausland uns wieder einmal tröstend über den Kopf streicht und uns mit Wärme im Herzen bescheinigt, wie schwer wir es haben. Beckenbauer nämlich wurde befragt, ob denn das Desaster von Rudi Völlers Mannen dem Ansehen des deutschen Fußballs in der Welt schaden könne. Ach was, meinte Beckenbauer, kann ja gar nicht, weil niemand dieses Ergebnis glauben würde. So ist es recht. Wir deklarieren alle Malaisen als Druckfehler, als Enten, als informelle Irrtümer. In Wirklichkeit arbeitet Toll Collect vorzüglich, hat Daimler-Chrysler mit Mitsubishi ein grandioses Ergebnis erzielt, sind Kanzler und Bundestrainer brillante, fehlerfreie Führungskräfte und sind Daniel Küblböck und Dieter Bohlen gar nicht von uns, sondern, sagen wir, aus Österreich. Und in Wirklichkeit haben wir in Bukarest 5:0 geführt, bis wir den armen Rumänen einen Ehrentreffer gewährten, weil wir trotz aller Herrlichkeit auch immer noch generös sind und niemanden demütigen wollen. In Portugal werden wir Europameister, die nächste Pisa-Studie als Weltmeister abschließen, kurz nachdem unser Max den Grand Prix d’Eurovision abgeräumt hat. Alles andere glaubt uns sowieso niemand.

26

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben