Meinung : Ist eine Stadt ohne Autoverkehr wünschenswert?

Foto: Mike Wolff
Foto: Mike Wolff

„Auch zum Großeinkauf ohne Auto“ – Der Senat will den Einzelhandel in der Innenstadt stärken - doch es soll künftig weniger Parkplätze geben“

vom 26. Januar

Na hoffentlich planen die Damen und Herren an allen S-Bahnhöfen Rampen ein, auf denen man den vollen Einkaufswagen direkt bis in die S-Bahn schieben kann.

Offensichtlich fahren unsere Senatoren gern wegen eines Stücks Butter mit dem Wagen zu Aldi oder Kaisers, denn die meisten Leute nutzen das Auto nur für größere Einkäufe oder wenn sie sowieso dort langfahren, wo der Laden ist.

800-qm-Geschäfte möchte ich nicht direkt im Wohngebiet haben, denn bei dieser Größenordnung fahren die ganze Nacht hindurch Liefer-LKW vor und werden mithilfe von scheppernden Hubwagen entladen.

Bitte verschont die Bürger mit solchem Schwachsinn.

Es ist auch logisch, dass in Wohngebieten nicht ausreichend Parkplätze für diese Märkte vorhanden sind. Daraus zu schlussfolgern, die Leute mögen ihre Einkäufe gefälligst mit dem Omnibus erledigen, zeigt, wie eingeschränkt die Wahrnehmung unserer Senatoren ist.

Ich vermute fast, dass da ein schönes steuerfreies Sümmchen von einem Metro- oder sonstigen Vorstand winkt, wenn der Laden nur dichter in die Wohnviertel darf, und nun basteln die Herrschaften an einer Lösung, auf Teufel komm’ raus.

Gebt den kleinen Läden eine Chance und lasst die Großmärkte vor den Kiezen!

Gregor Sommer

Sehr geehrter Hr. Sommer,

die Stadt Berlin hat in den vergangenen Jahren den Bau von 16 großen Einkaufszentren in den Bezirken ermöglicht und somit die Kundenströme wesentlich beeinflusst. Im direkten Innenstadtbereich erwarten viele Bürgerinnen und Bürger sowie Touristen hingegen ein besonderes Einkaufserlebnis, eine bunte Vielfalt an Geschäften, die verstärkt Wert auf Qualität und Individualität legen.

Gerade dies macht eine Metropole wie Berlin aus. In den Stadtzentren verbinden sich diese Einkaufsmöglichkeiten mit einem großartigen Kulturangebot und unzähligen Restaurants, Cafés und Kneipen, die den Besuch zu einem Gesamterlebnis machen und Berlin gut zu Gesicht stehen. Die bisher schon eingerichtete Parkraumbewirtschaftung hat durchaus beachtenswerte Ergebnisse erreicht und kann akzeptiert werden. Ein weiterer Ausbau dieser Parkregulierung macht jedoch keinen Sinn. Weniger Parkraum würde zu einer deutlichen Preiserhöhung führen, was letztendlich ja auch beabsichtigt ist: Dies ist Abzocke der Bürgerinnen und Bürger! Die vielen Geschäfte in der Innenstadt haben nur dann eine Chance, wenn der Kunde diese Geschäfte mit dem Auto erreichen kann. Wer schon einmal mit Einkaufstüten in Bus und U- bzw. S-Bahn unterwegs war, weiß, dass dies kein besonderes Vergnügen ist. Deshalb müssen Autos in der Nähe der Geschäfte Parkmöglichkeiten finden.

Verkehr zu verhindern, ist falsch. Es geht vielmehr darum, Verkehrsflüsse durch moderne Logistiksysteme zu lenken. Auf diesem Gebiet sind die Hightechmöglichkeiten, die sich heute bieten, gerade in Berlin noch lange nicht ausgereizt. Die Entwicklung des Autos der Zukunft wird in den kommenden Jahrzehnten dazu beitragen, seine Attraktivität deutlich auszubauen. Dazu werden viele Innovationen wie beispielsweise die Entwicklung von Elektroautos beitragen, die immer leiser und sauberer werden. Für mich verbindet sich meine individuelle Freiheit, Auto zu fahren mit der Freude in einer lebenswerten Stadt zu wohnen - gerade auch dann, wenn, wie gesehen, der öffentliche Verkehr an seine Grenzen stößt.

Es gilt aufzuhören mit dem ideologischen Kampf gegen das Automobil, dem wir einen wesentlichen Teil unseres Wohlstandes verdanken.

Für die Zukunft sollte gelten: Individualverkehr und öffentlicher Nahverkehr müssen sich gleichberechtigt ergänzen. Letztlich muss der freie Bürger entscheiden, was in seiner jeweiligen Lebenssituation für ihn das Richtige ist.

Mit freundlichen Grüßen

— Walter Müller, Direktor der Mercedes-Benz Niederlassung Berlin

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